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Ich tanze nicht. Nicht mehr. Tanz bedeutet für mich nämlich Vorbereitung
zum Geschlechtsverkehr – und sicherheitshalber erspare ich mir den
Stress dieser lustvollen Form der Annäherung, indem ich mir seit
Jahren nur mehr solche Männer als Objekt der Begierde aussuche,
von denen ich annehmen kann, dass sie nicht mit mir tanzen werden:
teils, weil sie Angst davor haben, daß ihre Ehefrauen – oder
ihre sonstigen „Vorgesetzten“ – merken könnten, dass uns mehr
verbindet als nur berufliches Interesse, und eifersüchtig, auf
jeden Fall aber verbietend reagieren würden, teils weil sie Angst
vor ihren eigenen begehrlichen Reaktionen haben. Er soll aber keine anderen Göttinnen haben neben mir ... Ich bin mir bewusst, dass kurz nachgedacht hinter diesen Fantasien Erinnerungsspuren auftauchen – Erlebnisse aus meiner Tanzschulzeit. In Wiener Neustadt war es, der Heimstadt der Militärakademiker – und die waren auch, zumindest auf Bällen, unsere Tanzpartner: Männer im Vergleich zu den schwitzhändigen, pickelübersäten Gymniasiasten, die unsere weißen Tanzkleider ebenso beschmutzten wie unsere Dekolletés, wenn sie uns mehr oder weniger unproportionierten Teenagern fast besinnungslos vor Gier nach greifbarer Weiblichkeit an Hals und Busen hechelten. Die künftige Offiziere waren da – zwar nur wenige Jahre älter – schon ganz anders. Sie demonstrierten „Haltung“: nicht nur im priesterlich aufrechten Gang und vollendeter Galanterie, uns Pummelchen gleich Fürstinnen Raum zu schaffen, ob an der Bar oder an der Balkonbrüstung des ersten Stockwerks, wohin sie uns den wachsamen Augen des leiblichen oder ersatz-weisen Tanzschulvaters Rezniczek entführten. Nicht so auf dem Parkett: dort drängten sie sich an uns, fassten mit hundert Armen und tausend Händen zu, wirbelten uns von einem Schwindel in den anderen, vor allem in den, wie begeistert sie von uns wären, zogen uns Schwebende wieder an sich und pressten ihre harte Männlichkeit an unsere Weichteile. Ja, Haltung bestand für die Jungmänner auch darin, ihr erigiertes Fleisch an die unberührten Leiber zu halten und sich daran zu weiden, dass wir Unerfahrenen nicht wußten, wohin wir unsere Becken verlegen „verlegen“ sollten – und für die Jungfrauen, so zu tun, als merkten sie das alles nicht. Die Rolle der Unschuld musste durchgehalten werden. Nähe und Distanz Anstand hätte in Abstand bestanden. Aber das wussten wir Sechzehnjährigen nicht, damals, in den frühen 60er Jahren, als wir uns erstmals in dekorativer Fraulichkeit dem anderen Geschlecht nähern durften. Vorher gab es nur Begegnungen auf den angeblich geschlechtsneutralen Sportplätzen: besonders das eher baumlos der Sonne ausgesetzte Ungarbad war begrifflich mit der Sportunion verbunden, das aus dem Park der Militärakademie herausgewachsene elegante Akademiebad hingegen eher den Schäfernachmittagen zugeordnet, ebenso wie die Reitstunden, die die Töchter der Oberen Fünfzig von Wiener Neustadt im Akademiepark genossen. (Es gab noch ein drittes Bad – das sogenannte Saubad – aber das lag isoliert von jeglicher flirtfreundlichen Zivilisation am südlichen Stadtrand und war nur nach einem halbstündigen Fußmarsch durch menschenleere, staubige Straßen zu erreichen. Das taten sich nur Volksschulkinder an – oder die Jugendlichen, die in unmittelbarer Nähe wohnten.) Viel mehr Sportmöglichkeiten jenseits der Pflichtübungen auf den Schulsportplätzen gab es damals noch nicht – dafür aber eine professionell geführte Ballettschule. Und in die musste ich selbstverständlich, denn alle kleinen und jungen Mädchen, deren Mütter nur ihr Bestes – und daher Abwesenheit penetranter Männlichkeit – wollten, mussten dort hin. Dort lauerte auch, wie in der Ballettszene üblich, keine sexuelle Gefahr für Mädchen, denn außer dem ältlichen Klavierspieler gab es dort keine Männer. Leider auch keine heranwachsenden. Die sexuelle Befreiung begann damals gerade erst in den Köpfen unserer Mütter Einzug zu halten – soferne sie intellektuell genug waren, Simone de Beauvoir zu studieren. Meine war es, und so war sie bald mehr damit beschäftigt, mir die Ballettschule zu vermiesen, um nur ja keinen popscherlwackelnden Backfisch der alten Art zu erziehen..., und statt dessen ihre ureigenste Profession, das Klavierspiel, zu propagieren; das war wohl ihre Art, mich auf die körperlichen Annäherungen Männer passenden wie unpassenden Alters vorzubereiten. Jelineks „Klavierspielerin“ war zwar noch nicht geschrieben, aber die Geisteshaltung der dort verewigten Mutter kenne ich nur zu gut: Musik „macht“ man – aber man gibt sich ihr nur ja nicht hin. Wenn schon etwas bewegt werden muss, dann die Hände und – vielleicht! – noch ein bisschen die Füße, aber was dazwischen liegt, „... geht niemand was an“. Jelinek schreibt: „Mit dem Bewußtsein ihres körperlichen Ungenügens kann man jede Frau an sich ketten.“ Wie wahr! Im Klavierunterricht kann man kleinen Kindern, die verzweifelt versuchen, ihre Dickfingerchen oktavenweit zu spreizen und gleichzeitig so flachzukrallen, dass die daraufgelegte Münze nicht hinunterfällt, zu masochistischer Unterwürfigkeit dressieren. Ob es um Können geht oder ums Aussehen – Kettenmeisterschaft erlangt, wer die Rolle des Lehrmeisters übernommen hat, Mutter inbegriffen. Und: Klavierspiel ist elitär – und daher unsolidarisch! – man schwitzt nicht in der Gruppe, steht nicht im permanenten Vergleich zu anderen wie auch dem eigenen Unzulänglichkeitsbild im überdimensionierten Spiegel, bestenfalls „darf“ man gelegentlich servil vierhändig spielen mit dem unerreichbaren Meister des schwarzweißen Tastenlabyrinths, um vielleicht – irgendwann, wenn man perfekt genug ist, nicht nur das Instrument, sondern auch die Kompositionen erarbeitet zu haben – in Augenblicken ausgelassener Selbstvergessenheit mit gleich rebellischen Freunden frei zu improvisieren ... Im Ballett-Tanz hingegen paart sich der Masochismus des Körpertrainings mit dem sadistischen Hochgefühl der Körperbeherrschung, mit der Schmerzlust der Muskeldehnung, der Zeigelust, den mehr oder weniger entblößten Körper in ungeahnten Positionen präsentieren zu dürfen, und der Lust zu wissen, welch‘ heftige Gefühlsreaktionen man unter Vorwand hehrster Motive – „Nur der Kunst weiht ich mein Leben...“ - legitimst in der Zuschauerschaft auslösen wird. Tanz provoziert Sehnsucht, Begierde, Abwehr, Empörung – je nach biopsychischer Beweglichkeit der Betrachter. Tanz und Erotik gehören zusammen. Schaulust zählt zur Autoerotik: den Körper der Tanzenden mit dem distanzierten (in diesem Wort hat sich die Buchstabenkombination „tanz“ eingeschlichen!) Auge in Besitz zu nehmen, sich einzufühlen in den Stellvertreterkörper, der das wagt und auch vollendet, was man sich selbst nicht traut und nicht zutraut, schafft eine Verbindung von Gefühlen, Empfindungen, Ahnungen und Gedanken – und ist damit eine Möglichkeit, eigene Ganzheit zu erleben, ohne körperlich aktiv werden zu müssen. Wen die Emotion des Schauens aber zur Motion der Annäherung „motiviert“, erlebt den „Kick“ der Anbahnung: auf jemand anderen zugehen ist auch immer ein Aussichherausgehen, und damit risikobehaftet. Das angeblich so neckische Hin- und Herziehen in folkloristischen Tänzen kann leicht als Machtkampf enttarnt werden: während etwa im machistischen Tango der Frau wenig Möglichkeiten abseits von Hingabe bleiben, herrscht im berührungslosen Flamenco aber sehr wohl Gleichberechtigung. Im standardisierten Gesellschaftstanz hingegen ist die Paardynamik längst dem Reglement gewichen: die Macht liegt in der Etikette. Der Tanz war in unseren Breiten überhaupt lange Zeit das Ziel mannigfacher Verbote: so durfte zwischen Kreuzerfindung (3. Mai) und Kreuzerhöhung (14. September) nicht getanzt werden, weniger der sommerlichen Sinnlichkeit wegen, sondern um den ungehinderten Fortgang der Landarbeit nicht zu gefährden. Ausnahmen gab es nur für Verlobungen, Hochzeiten, „Schießen“, besondere Abrechnungs- oder Zunfttage und der Tag, an dem die Kirche geweiht worden war. Und dann durften nur geladene Gäste daran teilnehmen – aber die zur Überwachung bestimmten Gerichtsdiener duldeten meist die sogenannten Winkeltänze. Tanzschulen und Ballveranstaltungen dienten aber ebenso wie die volkstümlichen Tanzereien auf Kirchtagsfesten traditionell der Präsentation „heiratsfähiger“ Töchter auf dem „Heiratsmarkt“. Ein Exhibition: solange es für Frauen noch keine anderen außerhäuslichen Erwerbsmöglichkeiten gab als „in den Dienst zu gehen“ – und wenn es der „gehobene Dienst“ einer Gouvernante war -, bestand Existenzsicherung nur in der Heirat mit einem sozial abgesicherten Mann, und um solche gab es „ein G‘riss“. Da musste schon alles an Lockmitteln der Venus eingesetzt und „ausgestellt“ werden: die Haare, die Brüste, die Taille, die Hüften, die Füße und – der Duft. Heute wissen wir, dass eine mögliche Unverträglichkeit der Immunsysteme über Geruch und Geschmack signalisiert wird: jemand „nicht riechen“ oder „nicht schmecken“ können, heißt im Klartext: Nicht näher als Geruchsdistanz! Nicht näher als Kussdistanz! Und so erklärt sich auch das Bemühen, mittels Parfumierungen allerlei abschreckende Gerüche zu überdecken. Wenn das Ziel lautet, aus strategischen Überlegungen sexuell Nähe und Bindung herzustellen, werden nicht nur optische Maskierungen eingesetzt... Dass immer schon Giftmischer/innen und Kräuterkundige Sexuallockstoffe kunstreich in Duftwässerchen oder Salben eingearbeitet haben – und nicht nur die Produzenten von Hunde- und Katzennahrung diesen Trick zur besseren Akzeptanz ihrer Produkte anwenden – kann als bekannt vorausgesetzt werden. Allerdings vermute ich dahinter Rest der Sehnsucht des Säuglings, der seine Mutter oder Amme mangels trainierter Sinneswahrnehmung am Geruch (und an der Stimme) erkennt: bestimmte Duftmarken lösen tiefgehende emotionale Reaktionen aus – und danach begehren wir auch, denn dann wissen wir, die, die wir lieben, sind ganz nah, greifbar, spürbar, besitzbar. Und der Säugling will besitzen, einverleiben, will noch nicht selbst tun und schon gar nicht will er zuschauen. Aber er reagiert freudig auf Rhythmik, vor allem die, die ihm aus der Zeit im Mutterleib vertraut ist, und das ist die des Herzschlags und der Verdauungsgeräusche. Möglicherweise haben die klassischen Sexualtabus – nicht anschauen, nicht angreifen, nicht ansprechen – ihren Ursprung in der Eifersucht des Vaters auf den allbegierigen Säugling, der ihm den Vorrang des Zugriffs auf die Mutterbrust streitig macht, der Mutters Auge zum Glänzen bringt und ihre Aufmerksamkeit voll in Anspruch nimmt. Den sie tanzend in den Schlaf singt und wiegt, und der all diese paradiesischen Seligkeiten bekommt, ohne etwas dazu tun zu müssen. Bewegung ist Leben Alles, was lebt, bewegt sich – pulsiert, vibriert – tanzt. In unserer dualen Welt der Gegensätze schwingt alles Lebendige zwischen zwei Polen, zwei Energiequalitäten. Im Versuch, diese Phänomene weit über die Schulphysik hinaus in Sprache fassbar zu machen, können wir sagen: dem Extrem des Harten, Starren, Toten und dem Extrem des Weichen, Flexiblen, Lebendigen, dem Extrem des Feindseligen und dem Extrem des Liebevollen. Thanatos und Eros – und beide tragen ihr Gegenteil in sich: alles Leben geht einmal zu Ende, hat seinen Tod, und aus dem scheinbar Toten erwächst irgendwann wieder neues Leben. Alle Religionen künden davon, der Esoterikboom vermarktet es. Im Tanz drücken wir es aus – und wissen es nicht. Wenn ein kleines Kind so um das zweite Lebensjahr herum seine Muskulatur so gut beherrscht, dass es sich rhythmisch bewegen kann ohne gleich umzufallen, beginnt es auch, seine Bewegungen nicht nur zielgerichtet auf Greifen und Loslassen zu trainieren, sondern auch nur für sich zu formen – wenn man es lässt. Denn viele Erwachsene hemmen sofort die Freude am Selbstausdruck: zum Teil, wie sie selbst so gestoppt wurden und unbedacht meinen, das gehöre eben so, zum Teil, weil sie die Lebensfreude und Erotik dieser Selbsterfahrung nicht ertragen. Ein lebendiger Körper
zeigt seine Lebendigkeit in der Bewegung Wenn schon Bewegung, dann unter Kontrolle
und Disziplin! lautet das Motto vieler, die sich zur Erziehung anderer
berufen fühlen. Auf den Tanz bezogen bedeutet dies: den Männern
die aufladenden und einschüchternden Kriegstänze, den Frauen
die einladenden und Paarungsverhalten simulierenden Fruchtbarkeitstänze.
Es beweist die vorherrschende oder verweigerte Unterwürfigkeit
eines Volkes, wie deutlich Paarungszeremonien im gemeinsamen Tanz
beider Geschlechter auf allen Sozialstufen demonstriert oder verborgen
werden. Tanz bringt in Bewegung – nicht nur die Muskeln, Hormone und
damit Gefühle, sondern auch den Geist, und der kann aufmüpfig
sein: gegenüber der Herrschaft der sexuellen Potenz haben asexuelle
Potentaten wenig zu melden. Miteinander tanzen kann an– und aufregen. Mit allen Sinnen aufeinander ausgerichtet entsteht Reibung, nicht nur im Haut-zu-Haut-Kontakt, sondern schon in der Distanz, in der die bioelektrischen Kraftfelder aneinanderstoßen, und die differiert je nach „Ausstrahlung“, und die wiederum hängt von vielerlei Variablen ab: von der Vitalität und damit von Ernährung, Schlaf, Frischluft, Sonnenlicht, Lebensstil überhaupt, von der Stimmung und damit von zusätzlichen Einflussfaktoren wie Status und sozialen Beziehungen, und von den Denkmustern und damit zusätzlich vom Zutrauen in die eigene sexuelle Attraktivität und Eroberungsmacht. Dass heute so viele Junge nur mehr in der Disco für sich allein durch die Gegend zucken, deute ich als Signal latenter Depressivität: zu ausgepowert vom Hamsterrad der immer schneller erhobenen Arbeitsanforderungen, zu wenig Zeit und Energie, sich tief in Beziehungen einzulassen, zu wenig Rahmenbedingungen für ruhiges und stilles Erspüren anderer Menschen. Die Rhythmik des Discosounds fördert nicht Liebe, sondern Kampf. Catch as catch can in Tanzform. Aber auch jenseits der Discos und Clubbings verkümmert das Ein- und Antanzen. Selbst-bewusste Frauen wollen nicht mehr leiblich bedrängt werden, wollen selbst wählen und erobern – und scheitern am Widerstand emanzipierter Männer, die geliebt, aber nicht als Bediener missbraucht werden wollen. Oder die nicht sicher sind, ob sie nicht der Lock-Block-Methode zu Opfer fallen würden und damit der Lächerlichkeit des angebotenen, aber nicht angenommenen Liebesdienstes. Tanzen hat aber doch den Sinn, die Erregungs- sprich Gehirnstrommuster aufeinander abzustimmen – in fader Korrektheit, zaghaftem Abwarten oder ungestümer Leidenschaft. Im Tanz zeigt sich, ob man miteinander „kann“ – was nicht heißt, dass man auch soll! Oder muss. Das sollte heute beiden Geschlechtern bewußt sein. Mitte des vorigen Jahrhunderts war es das nicht – da schieden sich die Wege, die Bewegungen: den Männern das Bedrängen, den Frauen das Zurückweichen. Heute ist es oft umgekehrt. Dann kommen die Paare zum Sexualberater und klagen: „Keine Lust!“ Und das allererste Allheilmittel lautet: sich ausgiebig Zeit nehmen, einander sinnlich zu erfahren. Erste Stufe: wieder einmal miteinander tanzen. Andere in ein bestimmtes Gefühl bringen, ist nicht nur die Kunst der Kunst der Künstler oder Heiler: wir alle können es, wenn wir nur wagen, unseren eigenen Fühlgedanken oder Denkgefühlen Ausdruck zu gestatten. Wenn wir unsere Emotion auch in Motion „äußern“. Gefühls-Ausdruck Tanz kann nach außen gerichtet sein, um andere in ein bestimmtes Gefühl zu leiten, er kann aber auch nach innen führen, nach unten und – nach oben. Unser Atemrhythmus beeinflusst unsere Gehirnstrommuster. Je langsamer, je tiefer, desto eher verlassen wir den Bereich der „normalen“ Beta-Wellen in Richtung der Alpha-Wellen der tieferen Entspannung oder gar der Theta-Wellen der Tiefentspannung, wie sie etwa in der Zen-Meditation erreicht werden. Tanz kann auch meditativ wirken: dabei wird nicht mehr Eins-Sein mit einem anderen Menschen gesucht, sondern die Einheit mit der Natur, der gesamten Schöpfung, Gott. Der deutsch-griechische Psychotherapeut (und ehemals Opernsänger) Jorgos Canakakis beschreibt die Tradition griechischer Folklore, seelischen Schmerz und Trauer mittels Gesang und Tanz zu bewältigen. Bei uns darf man höchstens aus Freude tanzen, aber nicht aus Leid. Nicht einmal aus Sehnsucht. Das dürfen nur Künstler. Aber: steckt nicht auch in jedem von uns solch einer? Liegt es nicht in der menschlichen Natur, Gefühlsimpulse bewusst in veredelter Form zu veröffentlichen und damit inniger mitteilbar zu machen? Gefühle drängen nach Ausdruck – durch Sprache, Gesang, Bewegung – und dazu zählt auch Malen und Schreiben. Wenn Gefühle nicht ausgedrückt werden, und sei es nur durch Atmen und Zittern, vergiften sie einen. In Brasilien lernte ich Menschen
kennen, die sich gerne unterhielten, mir aber sagten, Dass das Auge aufnehmen aber auch ausdrücken kann, erleben wir tagtäglich, wenn wir in den Blick anderer eintauchen oder von deren Blicken durchbohrt werden. Ebenso können wir als Ganze Gefühle teilen: wir können aufmachen um uns ins Mitschwingen versetzen lassen oder wir können aufmachen und unsere eigenen Seelenmusik durch Bewegung ausdrücken. Wir können rhythmisch schreiten, unsere Hände sprechen lassen und unsere Füße, unsere Arme und Beine, unsere Becken, unsere Schultern, unsere Brüste und unseren Kopf. Wir können wirbeln, springen, rasen. Wir können uns dehnen, beugen, aufrichten – wir können aufrichtig sein. In meiner therapeutischen Arbeit stehe ich manchmal
auf und versuche pantomimisch vorzumachen, was als neue Verhaltensweise
bewusst geworden aber noch nicht durch ein Vorbild nachvollziehbar
geworden ist. Gelegentlich arbeite ich dann mit meinem Klienten oder
meiner Klientin wie ein Regisseur an der stimmigen Körper- wie
Geisteshaltung. Und manchmal empfehle ich auch, diese in einem Tanzbild
geistig zu verankern. Jede Muskelbewegung hat eine emotionale Entsprechung
und umgekehrt. Wenn man nachdenkt, merkt man, welche Bewegungen man
vermeidet – und was damit nicht sichtbar werden soll. Jedem Gehirnstrommuster entspricht ein eigene Form der Wahrnehmung und des Denkens. In der Gelassenheit und Konzentration der Alpha-Wellen erkennt man Probleme und ihre Lösungsmöglichkeiten „in einem“, während man im „normalen“ Zustand der Beta-Wellen leicht konfus am Gefühl der Hilflosigkeit festhält anstatt sich davon zu lösen. Langsame Tanzbewegungen können helfen, aus diesem wenig produktiven Gefühlszustand herauszutreten und in konstruktivere hineinzugleiten. Hier fehlt noch viel an Forschung, vor allem aber auch an einer Sprachform, die nicht zu sehr von der „wissenschaftlichen“ verschieden klingt. Wissenschaftssprache hat ja vielfach auch einen „esoterischen“ Zweck – nämlich „Uneingeweihte“ zu verunsichern bzw. auszuschließen. Wer viel Erfahrung mit klassischem autogenem Training besitzt, wird wissen, wie schnell man sich von einem Gehirnstrommuster ins andere versetzen kann – wenn man weiß, wie das vor sich geht. Verbunden mit bestimmten Körperbewegungen ist es möglich, durch derartige sakra-mentale Gedanken die jeweils verlorene Einheit und Ganzheit von Körper, Seele und Geist oder Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren wiederherzustellen und damit den Zustand des Urvertrauens in die Welt. In diesem Zustand „weiß“ man auch ohne viel Grübelns, wo das Gleichgewicht der Kräfte verloren gegangen ist und was dagegen zu tun wäre. Es ist kein Zustand lächelnder Gleichmut, wie ihn manche Esoterikverliebte anpeilen, wo einem alles rundherum gleich-gültig geworden ist und man passiv der Erlösung harrt oder sich erleuchtet wähnt. Es ist ein vielmehr ein Zustand wacher Aufmerksamkeit, in dem man klar die fördernden oder hindernden Vorgangsweisen in Zusammenhang mit den jeweiligen Zielen erkennt, der Zustand, in dem die großen Erfindungen getätigt wurden oder andere Höchstleistungen. Heiltanzen Dem Physiker Moshé Feldenkrais ist eine körpertherapeutische
Methode zu verdanken, in der durch die bewusste Verlangsamung von
Bewegungen Fehlhaltungen erkannt und korrigiert werden. Er hat damit
Phänomene in einer Sprache beschrieben, die Wissenschaftlern
als wissenschaftlich anerkennbar schien; denn auch wenn viele Heilmethoden
„evidence based“ gewusst werden, heißt das noch nicht, dass
sie deshalb auch anerkannt werden! Wenn ähnliche Effekte von
Tai Chi oder orientalischem Bauchtanz bekannt sind, gelten diese Formen
selbstgenügsamer Heilbehandlung als Zeitvertreib und nicht als
Curativum. Ich denke, der Grund dafür liegt darin, dass durch
diese „Eigenmedikation“ die Hierarchie der Ärzte, aber auch anderer
„Heiler“ in Frage gestellt wird. Und: dass diese Form des Heil-Werdens
sehr nahe an religiöse Meditation, insbesondere auch an den Tempeltanz,
herankommt. In diesen Labyrinthen tanzten
die Sucher ihren Weg hinein in das Zentrum. Einige fielen dabei auf
die Knie, Natale erinnert, dass bestimmte Rhythmen das Gehirn beeinflussen – am wirkungsvollsten die, die 120 oder mehr Schläge pro Minute enthalten. Ist es das, was unbewusst als Gefahr erkannt wird: die Entgrenzung einer Bewusstseinserweiterung? Vielleicht liegt es aber auch nur an der Wortwahl, dass Tanz je nach Fantasie des Rezipienten des 3. Jahrtausends mit Volkstanz, Ballett oder Striptease assoziiert wird, und nicht damit, was bewusst gestaltete und eingeübte oder spontan gewagte Bewegung auslösen vermag. Vielleicht liegt es an der Kommerzialisierung der Medien, dass selbst unbestrittene Tanzkunst immer mehr auf Provokation und damit Schlagzeilen zielt, um nicht als altmodisch abgelehnt zu werden – was mögliche Werbeträger und Sponsoren abschrecken könnte. Und vielleicht liegt es an der so sehr gewohnten Trivialisierung der Welt, die unter dem Deckmäntelchen der Aufgeklärtheit nur mehr an das nahe, das „unten“, denkt und nicht mehr an das ferne, das „oben“, wohin wir Aufrechtgeher – Aufrechttänzer – uns entwickeln sollten. Jetzt ist es als das entscheidende
Zeichen grosser Cultur zu betrachten, wenn Jemand jene Kraft und Eigentlich möchte ich doch tanzen. Vor Dir, mit Dir, mein Geliebter. Nein, nicht irgendwelche Gesellschaftstänze – ohne Gesellschaft, nur wir zwei. Ich möchte mich vor Dir dehnen und biegen, meine Hände sprechen lassen und meine Füße, möchte mein Becken kreisen lassen und den Kopf in den Nacken werfen, möchte meine Arme nach Dir ausstrecken, Dich fassen, zu mir ziehen, mich an Dich drücken. Damit „...aus unseren Körpern die Liebe strömt...“ Ich möchte Dich einladen, Deine plumpe Unbeholfenheit
zu überwinden, Deiner Rigidität zu entsteigen und langsam,
ganz langsam, gleichsam einer Spirale, die sich in lebendiger Bewegung
nach oben verjüngt, mit mir gemeinsam Gott zu preisen, der uns
als Mann und Frau zur Welt hat kommen lassen, damit wir zusammen ein
Ganzes bilden, ihm zu Ehren. Literatur: Belli Gioconda, „Geliebter, und uns werden die Augen so groß...“ in: Korth Michael, „Schöner Jüngling mich lüstet Dein. Liebesgedichte von Frauen“. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 1988 Canakakis Jorgos, „Ich sehe deine Tränen. Trauern, Klagen, Leben können“. Kreuz Verlag 1987/1991 Feldenkrais Moshé, „Bewußtheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang“. Suhrkamp TB 1978 Hochradner Thomas, „Tanzverordnungen, Tanzverbote“ in: Der Vierzeiler 3/2001 „Rund um den Tanzboden“. Steir. Volksliedwerk 2001 Jelinek Elfriede, „Die Klavierspielerin“. Rowohlt TB 2001 Mahr Karin, „Rückkehr zum Körper. Bewegungstherapie – ein neuer Ansatz“. Rowohlt 1994 Natale Frank, „Trance Dance. Der Tanz des Lebens – Geschichte, Rituale, Erfahrungen“. Simon + Leutner 1993 Nietzsche Friedrich, „Menschliches, Allzumenschliches“ I (1878/1886) und II (1879/1880)., dtv 1967–77/1988 Perner Rotraud A., „Ungeduld des Leibes – Die Zeitrhythmen der Liebe“. Orac 1994 Zeldin Theodore, „Der Rede Wert.
Wie ein gutes Gespräch ihr Leben bereichert“. Malik / Piper 1999 |