Perner Archiv

 

Die Farbe Rot
Zusammenfassung der frei gehaltenen Rede von
Dr. Rotraud A. Perner im Rahmen der
Villacher Gesprächsreihe
"Im Gespräch mit der Sozialdemokratie"

Wenn ich mein Referat beginne, indem ich Sie, das Publikum frage, "Woran denken Sie bei der Farbe Rot?", bringt uns die Antwort gleich mitten in die Rotdynamik. Es gibt nämlich nicht eine Antwort.

Es werden viele Antworten kommen: An Liebe denken wir, an Feuer, an Blut, an Sexualität, an Aggression, an Provokation und an vieles mehr. An Gutes, an Böses — an Wünschenswertes, an Angsterfülltes. In keiner anderen Farbsymbolik ist das Gegensatzpaar Anziehung - Abstoßung so stark beinhaltet. Und wie keine andere Farbe unterliegt Rot in der Geschichte der Menschen, der Gesellschaft, so vielen Wandlungen als Symbolträgerin.

Marsfarbe -

Vom Archetyp her ist Rot die Marsfarbe. Primär verbinden die jungianischen PsychoanalytikerInnen, zu denen auch ich mich zähle, mit Rot daher den Ursprung des Kraftvollen, des Vitalen, des aktiv Vorwärtsdrängenden. Grob gesagt ist Rot als Marsfarbe die Farbe des männlichen Prinzips. Neben diesem einen Teil — dem Teil der Aggression — gibt es aber auch ein Gegen-Teil, den ergänzenden weiblichen Teil: Rot als Venusfarbe, als Farbe der Liebe und Leidenschaft. In Japan beispielsweise ist man sich dieser Symbolik bewußt. Rot ist dort die Frauenfarbe, es symbolisiert das Weibliche.

Rot vereinigt beide Teile in sich. Vom Betrachtenden hängt es ab, welchen Teil er oder sie vorwiegend oder ausschließlich wahrnimmt.

aber auch Venusfarbe

Schon Goethe wies in seiner Farbenlehre darauf hin, daß Rot eine Minusseite und eine Plusseite hat. Unter der Plusseite hat er die gelblichen Rottöne und die aktive, männliche Seite verstanden. Die Minusseite hingegen mit ihren bläulichen Rottönen war die eher weibliche Seite. Insofern ist es interessant, daß Violett, die Farbe, die Rot und Blau so deutlich wie keine andere vereinigt, auch die Farbe der Erleuchtung ist. Und: in der Frauenbewegung reklamieren sowohl die Vorkämpferinnen für Frauenliebe als auch für Priesterinnen ("Lila Stola") die Rot – Blau – Mischfarbe für sich.

Dasselbe Phänomen begegnet uns auch in der Lehre von den Chakren – den Energiezentren im Körper: Der Scheitelpunkt stellt auch den Gipfel der Erleuchtung dar – wiederum violett: die Balance der beiden Gegensatzfarben.

Der menschliche Körper wird in der östlichen Gesundheitslehre als von Energiebahnen durchzogen dargestellt. Die Kenntnis dieser Linien ist für den östlich orientierten Arzt wichtig, um die Energie wieder in Balance zu bringen, wenn sie aus dem Gleichgewicht gefallen ist. Die Zentren, die Kraft ausstrahlen, haben symbolisch Farben. Dem Wurzelchakra, dem tiefsten Zentrum und Sitz der Vitalkraft, ist die Farbe Rot zugeordnet. Dieses Zentrum wird um das Steißbein herum gedacht. Diejenigen, die sich mit dieser Art der Gesundheitspflege beschäftigen, nehmen als eigene Kraftquelle das geistige Bild des rot sich drehenden Energiewirbels in diesem Bereich des Körpers. Sie konzentrieren sich auf darauf, daß sie hier eine Kraftquelle haben und lassen jetzt die Farbkraft durch die verschiedenen Kraftzentren mit den verschieden zugeordneten Grundfarben aufsteigen. Mit dieser Kraftkonzentration an der tiefsten Stelle des Rumpfes entsteht die Möglichkeit, sich selbst immer wieder die Entwicklung vom Altertum zur Neuzeit, die Entwicklung vom Tier zum homo sapiens zu symbolisieren.

In der westlich zivilisierten Welt wäre das Hineinmeditieren in das Wurzelchakra für die Arbeitswelt sicher nicht wünschenswert: Wenn wir alle unseren Körper so mit mehr Energie versorgen würden, wäre das nicht nur gesund, sondern auch lustvoll; wir hätten Phantasien und Wünsche - und die wären voraussichtlich mit den Erfordernissen der Arbeitswelt oft sehr schwer zu vereinbaren.

Wenn wir über die Farbe Rot phantasieren oder meditieren, ist es wichtig, uns des Rottons, den wir meinen, klar zu sein.

Denken wir an einen hellen, scharlachfarbenen, schon ins Orange gehenden Rotton oder meinen wir einen, der schon ins Kardinalsrot übergeht, ins Bordeauxrot, ins Blutrot? Und welche Farbe hat das Blut? Hell oder dunkel? Ist es arterielles oder venöses Blut? Und was symbolisiert Blut hier, heute, in der Gesellschaft und für jeden einzelnen von uns?

Blutsymbolik

Blut ist nicht nur ein besonderer Saft. Im Altertum und in gewissen spirituellen Richtungen wurde bzw. wird das Blut als Sitz der Seele angesehen. Man nahm wahr, daß mit dem Ausbluten auch die Lebenskraft dahingeht. Damit wurde die Symbolik festgemacht, es würde die Seele ausrinnen. Nicht geklärt ist für diese Denkweise, wie die Seele hineinkommt. Ich persönlich neige eher zur Ansicht, daß Geist nicht über das Blut symbolisiert wird, sondern über die Atmung. C. G. Jung selbst hat ja auch in seiner Arbeit "spiritus" als die Heilwirkung gesehen. So betrachtet liegt es wieder bei uns, welchen spirit, welche Inspiration, welchen Geist wir dem Blut geben.

Entscheidend ist, wie Blut und alles, was mit Blut zusammenhängt, dem Menschen vertraut gemacht wird. Wir dürfen nicht vergessen, daß das Blutopfer immer als eine ganz besondere Hingabe an eine bestimmte Idee gesehen wurde. Denken Sie zurück in die Geschichte an die besondere Bedeutung der Blut- und Bodenideologie. Seien Sie mutig und wagen Sie, archaisch, fast möchte ich sagen primitiv, zu denken: dann ist Blut wahrnehmbar in der Geburt, in Verletzungen, in Wunden. Denken Sie an das geheimnisvolle, weil durch Tabus belegte, Blut: an die Menstruation der Frau und an das Pendant beim Mann — an die Verwundungen, die sich Männer in bestimmten Kulturkreisen am Ende der Pubertät zufügen, um den Eintritt ins Erwachsenenalter zu symbolisieren. Oder an die geheimen Verwundungen der Männer in Geheimbünden.

So hat die Farbe Rot relativ viel mit Reinigung und Erneuerung zu tun. Es gibt sie, diese Blutromantik, dieses Besondere in den Blutopfern, für die Frau bei ihrer monatlichen Blutung, bei der Defloration, bei der Entbindung, für den Mann rituell in den Reiferiten der alten Zeit, aber auch in besonderen „Mutproben“ – die ich persönlich nicht dem Mut zuordne, sondern der Unterwerfung unter einen Befehlshaber oder eine provozierende Gruppe - als eine besondere Markierung, daß jetzt etwas Neues stattfindet, daß man / frau sich in jemand Neuen verwandelt.

Feuersymbolik

Ein weiteres Ursymbol, das mit der Farbe Rot verbunden ist, ist das Feuer. In vielen Religionsgebäuden des Altertums findet sich die Legende, daß jemand das göttliche Feuer stiehlt. Am bekanntesten ist wohl Prometheus, der, der voraus denkt, im Gegensatz zu seinem Bruder Epimetheus, der immer erst nachher zu denken beginnt und Pandora, die von den Göttern zur Rache für den Feuerdiebstahl des Prometheus geschickt wurde, ins Haus nimmt und erst nachdem alles Unheil der Welt aus ihrer Büchse entflohen ist, diese zuklappt, sodaß die Hoffnung drinnen bleibt. Er stiehlt es vom Himmel, von der Sonne und bringt es den Menschen, damit diese unabhängig werden, indem sie sich von den Jahreszeiten befreien.

Die besondere Bedeutung dieses Feuerraubes liegt in dem Protestverhalten, den er symbolisiert: es ist ein Protest gegen den jahreszeitlichen Rhythmus, die Erstarrung im Winter, und ein Protest gegen das Gleichsein mit dem Tier, das instinktgesteuert keine vergleichbare strategische Planung entwickelt . Oder zu entwickeln scheint.

Feuer kann wärmen. Feuer kann aber auch zerstören. Blut kann ein Zeichen der Vernichtung, aber auch der Entstehung von neuem Leben sein – und der Reinigung. Ein österreichisches Beispiel zeigt, wie schnell, weil unhinterfragt oder aus Unverständnis, ein Blickwinkel in den anderen kippen kann: der Maler und Aktionskünstler Hermann Nitsch beschäftigt sich in seiner Arbeit seit Jahren intensiv mit Blut. Menschen, die sich bei quasirituellen Schlachtungen unter das ausblutende Tier legen und so die Reinigung durch das Blut darstellen. Aber natürlich auch erleben. Das ist ein hochmeditativer Vorgang, der an heidnisches Gedankengut anschließt. Der Künstler aber wird hierzulande überwiegend als Beschmutzer verteufelt, weil man nur den negativen, den angstmachenden Aspekt wahrnimmt.

Wahrscheinlich sind sich alle Frauen, die geboren haben, bewußt, was der Geburtsvorgang psychisch an Erneuerung bedeutet. Es ist ein Gang zwischen leben und Tod, wie ihn auch Männer kennen, die jemals in Todesgefahr waren, und die daher wissen, was es heißt, das Blut erstarren und wieder fließen zu spüren. Umgangssprachlich verwenden wir ja auch den Ausdruck „sich wiedergeboren fühlen“. Und viele erzählen ihre Erlebnisse sehr zum Ärgernis ihrer Anverwandten immer und immer wieder, weil sie dieses traumatische Erleben noch nicht „integriert“ – seelisch bewältigt – haben; sie sind dann eben noch nicht „zum zweiten Mal zum Leben“ gekommen.

Alle, die derartige Erfahrungen schon gemacht haben, werden vielleicht das ringen eines Künstlers verstehen, dem es darum geht, dieses gefühl nachvollziehbar zu machen. Ob es ihm gelingt bzw. bei wem nicht, ist eine andere Frage.

Auferstehungssymbolik

Rot als Symbolik der Erneuerung, des Zugrundegehens und des Wiederauferstehens zieht sich durch viele Jahrhunderte. Phönix entsteht aus der Asche, wir kennen den Märtyrer, der aus dem Feuer aufsteigt oder das Pfingstwunder mit den feurigen Zungen. Rot steht für die Schaffung eines neuen Bewußtseins.

Insofern ist Rot auch die Revolutionsfarbe, die Farbe der Freiheit, die zeigt, wie jemand aus einem vorherigen Zustand in einen erneuerten Zustand kommt. In einen Zustand, in dem mehr Bewußtsein ist, wo klarer gesehen wird, wo Abhängigkeiten abgestreift werden. Hier möchte ich noch einmal den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden und die traditionell damit verbundenen Riten erwähnen: die Befreiung aus der kindlichen Abhängigkeit zum Mann – zur Frau -, symbolisiert dadurch, daß man zeigt, daß man bereit ist, Schmerzen auszuhalten; man ist bereit, etwas Altes hinter sich zu lassen und sich in etwas Neues hineinzuwagen. Das braucht Kraft und Mut.

Die Farbe, die Menschen auszeichneten, die mutig waren, war immer Rot.

Herrschaftsfarbe

Rot war immer die Herrscherfarbe. Die Farbe derer, die den Mut hatten, alte, überkommene Strukturen umzustürzen und damit neues Bewußtsein schufen.

Warum ist es der Staatsanwalt, der die Rotsymbolik und warum ist es der Richter, der die Lilasymbolik trägt? Weil der Staatsanwalt der ist, der den Finger auf die Wunde legt und sagt, was nicht in Ordnung ist. Der Richter gleicht aus. Er versucht Rot und Blau in Einklang zu bringen, er strebt nach Gerechtigkeit, er sucht nach der Ausgewogenheit zwischen den beiden Gegensatzpaaren.

Das Gefährliche ...

Wir kennen aber auch die Verteufelung der Farbe Rot. Rot und Schwarz ist der Teufel. Rot finden wir folkloristisch beim Krampus. Was symbolisiert die Farbe hier? Einerseits Aggression, andererseits auch Sexualität. Den Teufel stellen wir oft als bocksfüßigen, langschwänzigen, gehörnten, panartigen Mann dar — ein Symbol für die männliche Fruchtbarkeit, die nicht nach Sitte und Ordnung fragt, sondern in deren Bann ein Mann wie ein Bock überall dran ist. Bei sich, bei anderen.

Der Archetyp des Pan zieht sich durch die verschiedenen Kulturen, es gab ihn schon im alten Babylon und bei den Sumerern. Wir kennen ihn auch aus unserem Märchengut: mit Ziegenbockgesicht, mit Bärtchen und manchmal einer roten Feder am Käppchen. Die weibliche Fruchtbarkeit ist demgegenüber wie eine „Mondin“. Sie nimmt zu mit dem Anschwellen des Mondes und wird geringer, je mehr der Mond zum Neumond abnimmt. Sie ist rhythmisch und harmonisch. Sie nimmt die Energie von der Sonne, verdeckt sie oft und läßt dann Kälte spüren – oder Abkühlung.

... der Sexualität

Rot als vitale Sexualitätsfarbe, insbesondere der männlichen sexuellen Aggression, führt zur Hexensymbolik. Da finden wir dann zusätzlich die Symbolik der roten Haare. Zu meiner Kinderzeit wurden Mädchen und Burschen mit roten Haaren wirklich diskriminiert und verspottet – heute werden zumindest die Frauen kopiert. Nestroy hat diese altmodische Angst vor dem Feuerkopf in seinem Stück "Der Talisman" durchaus treffend und der Realität entsprechend dargestellt. Dank der Mobilität des 20. Jahrhunderts haben uns vermehrte Kontakte mit Angehörigen anderer Abstammung – Briten, Schotten, Iren - diesen doch sehr engen Blickwinkel weitgehend verlieren lassen. Hoffentlich!

Heute färben sich Frauen ab einer gewissen Durchgrauung die Haare — das war vor zwanzig Jahren noch undenkbar. Sie wären als Schlampen diskriminiert worden. Heute signalisieren sie dank L’Oreal etc. Jugendlichkeit, Aufmüpfigkeit, feministischen Protest – aber auch selbstbewußte Sexualität und Sinnlichkeit.

Gefühlsauslöser

Auch die roten Tiere wurden als Sendboten des Teufels dämonisiert. Das hängt sicher auch damit zusammen, daß Rot als Lichtabstrahlung Gefühle auslöst. Angewendet wird dieses Wissen in der Farbtherapie. Menschen mit niederem Blutdruck wird dabei empfohlen, rote Socken zu tragen, in roten Pyjamas oder auf roten Leintüchern zu schlafen. Diejenigen mit hohem Blutdruck sollen sich in Blau hüllen. Die Farbtherapie arbeitet mit der Wirkung von sichtbaren Farben. Problematisch ist die Therapie nachts: in diesem Fall müßte man mit Licht schlafen, damit diese Schwingungen vollständig ihre Wohltaten ausbreiten können.

Rot und Rötungen zeigt im Zusammenhang mit der Sexualität nicht nur das Aufladegeschehen und die im Zeugungsakt innewohnende Schaffenskraft, Rötungen können auch Angst machen; nämlich dann, wenn man sie und das, wodurch sie ausgelöst wurden, gar nicht will.

Wir erröten, wenn wir uns klein fühlen. Das ist Schamesröte.
Wir erröten, wenn wir zornig werden: dann versuchen wir gleichzeitig, wieder groß zu werden.
Zwischen diesen beiden eher „ungesunden“ Reaktionen liegt die Röte des gesunden, vitalen, gut durchbluteten Menschen, der weder zu groß noch zu klein ist.
Immer wieder versuchten Menschen, Richtlinien aufzuerlegen, was und wie man sein soll, um diesen unerwünschten Gefühlen – Gefühlsauslösern – zu entgehen. Sie wollten Macht über sie erlangen.
Ebenso versuchten sie aber auch, andere Menschen in einen Zustand der Röte, des aufbrechenden Rotwerdens zu bringen: durch Musik, durch den Einsatz von Symbolen, die dem Rot zugeordnet sind wie Eisen und Stahl bzw. die daraus geschmiedeten Waffen.
Ich möchte das berühmte Foto in Erinnerung rufen, wo ein Hippie einer angetretenen Soldatenreihe gegenübersteht und eine Rose in den Lauf eines Gewehrs steckt. Dem Rot kann auch die rote Rose oder das rote Herz als Liebessymbol zugeordnet werden.

Diese Kraft, die wir in der Sexualität erleben, ist auch die Kraft, die wir im Kampf brauchen — und Kraft ist traditionell nur den Herrschern bzw. dem Staat mit seinem Gewaltmonopol zugesprochen. Aus diesem Grund waren die Farbe Rot oder andere Symbole der Kraft vielfach für Untertanen verboten. Am mittelalterlichen Hof gab es nicht nur genaue Kleiderordnungen, auch die Haarlänge war je nach Ranghöhe festgelegt. Die Haarlänge der Dienenden durfte eine bestimmte Länge nicht überschreiten; eine deutliche Unterscheidung zwischen Herrschern und Untertanen also, bis zur Totalschur des Sträflings.

Rote Kleidung zu tragen bedeutete oft eine Herausforderung der Höherrangigen und war deshalb gefährlich. Hermelin, Königsblau oder Königsrot war den herrschenden Männern vorbehalten.

Für Frauen galt Rot lange Zeit als Zeichen für Unseriösität. Eine Frau, die Rot trug, gehörte ins Rotlichtmilieu, zu den roten Laternen. Auch hier wurde wieder die Sexualität angesprochen, gleichzeitig aber auch das Vogelfrei-Sein, das "zum farbenbunten Volk-Gehören". Das Spanische Hofetikette, wo nur mehr Schwarz mit ein bißchen Weiß erlaubt war, stellte einen Versuch dar, diese gefährliche Farbe zu verbannen und nicht zuzulassen.

Ich meine, wir sind uns heutzutage eigentlich viel zu wenig unserer Freiheiten bewußt. Wir dürfen sogar rote Schuhe tragen. Noch im Märchen von H. C. Andersen wurde die Dämonie der Farbe Rot mit dem Nicht-Aufhörenkönnen des Tanzens deutlich gemacht. Deutlich spürt man in seiner Geschichte, wieviel Gier und Unersättlichkeit in ihr steckt. Kein Wunder! Wieviel Lebensfreude und Vitalität gehörte den Königen, war für die breite Masse tabuisiert und bekam auf diese Weise einen natürlichen Reiz? Und: welche Vitalität fürchteten die – oben - Herrschenden bei ihren Untertanen?

Antriebe

Holen wir uns die Bilder des politischen Geschehens am Anfang dieses Jahrhunderts vor das geistige Auge: der Revolution in Rußland werden die roten Fahnen voran getragen, es werden Lieder von und zu roten Fahnen gesungen.Die Sozialdemokratie signalisiert ihre Anliegen und Forderungen bei den Roten Falken mit roten Halstüchern oder mit der roten Nelke und der roten Rose.

Es wurde beansprucht, was traditionell entweder tabuisiert - verboten oder sakralisiert, also für Sterbliche unerreichbar und nur anbetungswürdig war. Tabus schützen immer Kraftquellen, entweder, damit man nicht erkennen soll, daß sie versiegt sind, oder damit sie nur Eingeweihten zur Verfügung stehen.

1918 beanspruchten die "normalen" Menschen, die Bürger, das Volk, die Farbe Rot für sich als Symbol — und damit wird aus der Farbe Rot die Farbe der Freiheit.

Die Farbe der Revolution, die auch mit Blut zusammenhängt, entspricht der Erneuerungssymbolik, der Wiedergeburt. Heute gibt es viele Gruppierungen, leider auch terroristische, die die Farbe Rot in ihren Namen tragen: Rote Armee, Roter Stern, Rote Brigaden, Rote Armeefraktion, Rote Khmer usw. Sie alle sagen dadurch: wir wollen noch mehr Freiheit, das heißt, hier geht es in ein Extrem hinein, das der ursprünglichen Bedeutung weit vorauseilt.

Der Freiheitscharakter wird verändert in eine anarchistische Denkideologie und damit nicht nur für die politischen Gegner, sondern für alle gefährlich und angstmachend.

An dieser Entwicklung sieht man ganz deutlich, daß der Kreislauf im Rot stets davon abhängt, wie wir ihn symbolisieren — als Weg der Liebe, als Form der Verbindung miteinander oder als Weg des Hasses mit dem Ziel zu ternnen, zu beseitigen. Liebesröte oder Zornesröte.

Kampf oder Liebe?

Wenn wir darüber nachdenken, warum Rot so wirkt, wie es wirkt - was heißt, warum es uns warm macht, entzündet, entflammt, warum es uns inspiriert, können wir erahnen, daß keine andere Farbe nur annähernd diese große Bandbreite von gefühlen zwischen Liebe und Haß, zwischen Lieben und Kampf umfaßt.

Ich denke an die Farbtestreihen von Lüscher und aAnr beiten nach C. G. Jung von Verena Kast, die Farbassoziationsexperimente durchführte. Gefragt wurde unter anderem nach einer bestimmten Anzahl von Begriffen, die den Testpersonen zu der jeweiligen Farbe einfielen. Sie können das selbst ausprobieren: Fragen Sie doch jemanden aus Ihrer Familie oder Ihrem Bekanntenkreis, welche zehn Begriffe ihm / ihr zur Farbe Gelb, Grün, Schwarz usw. einfallen. Sie werden die dem traditionellen „Volksmund“ zugehörigen Sprüche hören, wo Gelb dem Neid und der Eifersucht, Grün der Hoffnung und dem Aufblühen der Natur im Frühling, Schwarz der Trauer zugeordnet wird.

Auch in der Politik werden Farben mit ihrer Symbolik benutzt, um bestimmte Standpunkte zu beschreiben.

Die Farbe Rot stellt dabei eine unheimliche Provokation dar, denn Rot wirkt nicht nur auf Stiere und Ochsen, Rot wirkt auch auf Menschen. In Rot steckt Kraft, steckt Herausforderung sich auseinanderzusetzen. Rot erregt. Sexuell. Mensch macht sich paarungsbereit. Aggressiv. Mensch macht sich kampfbereit. Was ausgelöst wird, hängt vom Betrachter ab – von seiner Friedensbereitschaft. Von seiner Befriedigung.

Denken Sie an rote Lippen oder an rotgefärbte Kampfesbilder. Und dann denken Sie an Leichen, die früher rot angemalt wurden als Signal, diese in Ruhe zu lassen und ihnen nicht zu nahe zu kommen bzw. als Abschreckung für die Dämonen. Rot als Signalfarbe kann Provokation darstellen, also auffordern, kann aber auch verbieten, nahe – zu nahe - zu kommen. Denken Sie nur an Zeichen für den Straßenverkehr: die rote Ampel — stop!, Fahrverbotsschilder etc. Rot wird in diesem Bereich ausschließlich für Gefahr-, Verbots- oder Stopsignale verwendet. So ist es auch verboten, rote Reklameschilder so anzubringen, daß sie aus der Entfernung den Signalzeichen zu ähnlich wirken könnten.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich als Beifahrerin im Auto neben meinem Mann fast in einen Schockzustand gekommen bin, als er in eine Straße einbiegen wollte: "Achtung! Nicht abbiegen, das ist eine Einbahn in die Gegenrichtung!" Es war kein Einbahnverbotsschild, es war die Coca-Cola-Reklame am Eck eines Gasthauses. Im übrigen war dieses Erlebnis mitausschlaggebend, daß ich seit damals eine Brille trage.

Was ich mit diesen Beispielen deutlich machen will, ist, daß vielfach gar nicht daran gedacht wird, welche Täuschungen auf der Gefühls-Reaktions-Ebene hervorgerufen werden können.

In diesem Zusammenhang sollten wir vielleicht einmal darüber nachdenken, wieviel Lärm, wieviel Licht, wieviel Farbe wir überhaupt noch aushalten. Es geht dabei nicht um Zensur, sondern darum, daß wir durch die vielen Reize, denen wir pausenlos ausgesetzt sind, das Gefühl fürs Detail verlieren. Abzustumpfen. Dadurch laufen wir Gefahr, die Funktionstüchtigkeit unserer Verarbeitungsmechanismen, die uns gesund, aber auch krank machen können, durch chronische Reizüberflutung zu zerstören.

Falls ich mit meinem Referat bewirkt habe, daß Sie mehr darüber nachdenken, wann und wo Sie welche Farbe brauchen, und die Kraftfarbe autosuggestiv dann auch dort einsetzen, wäre mir das schon ein Erfolg.

Wer Rot als Symbol wählt, wählt damit auch Wahrheit, Leben und Freiheit und hoffentlich Liebe, nicht Aggression.



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