"Macht braucht Selbstkontrolle"
Rotraud Perners neuestes Buch ist ein Ratgeber für "Heiler" aller Art und ihre Klienten

Inge Baldinger, Salzburger Nachrichten, 06. 11. 2002

So positiv die ersten Reaktionen der kirchlichen Konkurrenz waren, so empört waren die ersten Reaktionen der direkten Konkurrenz um das Seelenheil: "Fürchterlich" hätten sich einige Psychotherapeuten über ihr neuestes Buch "Sein wie Gott - Von der Macht der Heiler" aufgeregt, sagt die Psychotherapeutin Rotraud A. Perner. Andere Kollegen hätten aber bekannt: Endlich wird offen ausgesprochen, wie aus Hilfe Missbrauch werden kann - ob es sich bei den Heilern oder Heilsverkündern nun um Ärzte oder Therapeuten, Politiker oder Priester handelt. Dienstag stellte Perner ihr jüngstes Werk offiziell vor.

Einerseits habe sie das Buch als Ratgeber für Kollegen geschrieben, andererseits und vor allem aber als "Beitrag zum Konsumentenschutz". Folglich erklärt Perner die Techniken und Methoden, mit denen Heiler ihre Klienten beeinflussen. Derart "aufgemacht" sind die Patienten nicht mehr ganz Herr der Dinge - womit Heilung möglich wird, aber eben auch Missbrauch.

Perner ordnet der "vier großen Techniken", mit denen Heiler arbeiten, die vier Elemente zu. Da ist die Körperlichkeit (Erde): Bestimmte Inhalte werden mit bestimmten Gesten mit großer Wirkung begleitet. Da ist der Atem (Luft): Die Stimme erlaubt es, Menschen in Trance zu reden oder zu singen. Dem Wasser ordnet Perner die "große Kunst der Empathie" - gemeint: das absolute Verständnis im Gegensatz zum Scheinverständnis - zu. Gefährlich auch das Feuer, für Perner Synonym für Sexualkraft, Charisma, Energie: Da Heiler darauf trainiert sind, um Menschen zu werben, sind da zumindest Missverständnisse vorprogrammiert. All das muss einerseits den Heilern oder Heilsverkündern bewusst sein, andererseits ihrem Publikum: Sonst laufen die einen Gefahr, in einen Allmachtswahn zu verfallen und die Kontrolle zu verlieren - und die anderen finden keine Hilfe, sondern schwanken zwischen Anbetung und Dämonisierung "Ihres" Arztes, Priesters, Therapeuten, Politikers...

Immer wieder kommt Perner zum Schluss: Nur ein gefestigter Mensch ist ein guter Heiler. Und weil alles und jedes mit der Zeit verschleißt, "müssen auch Heiler zum Service". Und zwar zum Profi, sonst wird womöglich die Therapiestunde zur Stunde des Therapeuten statt des Klienten umfunktioniert. Schließlich die wichtigste Forderung: Mehr Praxisorientierung in der Psychotherapieausbildung."

"Rotraud Perner: Wenn aus Hilfe Missbrauch wird"
Gegen die "Suggestion", der Zölibat wäre schuld am sexuellen Missbrauch von Jugendlichen durch Priester, hat sich die Psychotherapeutin Rotraud Perner gewandt.

"JA zur Kirche", 03. 11. 2002

Die – evangelische – Wissenschaftlerin sagte bei der Präsentation ihres neuen Buches "Sein wie Gott. Von der Macht der Heiler" im Wiener "Club Stephansplatz 4", richtig verstandene Keuschheit sei keine Unterdrückung der Sexualität. Keuschheit bedeute vielmehr, das Begehren zu spüren und zuzulassen, aber bewusst zu kontrollieren.

Wie Perner zu ihrem Buch sagte, wendeten sich Hilfe suchende Menschen immer wieder an Priester, Psychotherapeuten und Politiker, weil diese "Heiler" vermeintlich wüssten, wie ein Mensch, eine Gesellschaft, die Wirtschaft oder die Schöpfung geheilt werden könnten. "Menschen gehen zu ,Heilern', weil diese scheinbar keine Konflikte haben. Menschen, die ,Heiler' aufsuchen, sind zerrissen, sie fühlen sich hilflos. Diese Menschen suchen jemanden, der sicher auftritt, weiler das Stadium der Zerrissenheit schon hinter sich hat, und weiß, wie man wieder in Balance kommt", so Perner.

Das Verhältnis, das zwischen dem Hilfe Suchenden und dem "Heiler" entstehe, sei oft sehr nah und intim, führte die Psychotherapeutin aus. Mit dieser Nähe könne der Psychotherapeut, Priester, Arzt oder Politiker nicht immer umgehen. Daher bestehe die Gefahr, dass der Hilfe Suchende vom "Heiler" sexuell oder emotional missbraucht werde. "Heiler laufen Gefahr, dem Allmachtswahn zu verfallen" und zu glauben, sie wären "eine Art Herr über Leben und Tod und über das, was sein darf und nicht sein darf", so Perner. In ihrem Machtanspruch neigten Priester, Psychotherapeuten und Politiker dazu, Menschen zu verdammen, indem sie sie zu Sündern, Psychopathen oder Idioten erklärten.

Dass ein Missbrauch stattgefunden habe, werde von der missbrauchten Person erst zeitverzögert realisiert. Im Nachhinein sei nicht der Missbrauch selbst das schlimmste, sondern das enttäuschte Vertrauen und das Gefühl, "fallen gelassen" worden zu sein. "Die Beziehung zwischen Therapeuten und Klient zerbricht dann irgendwann, denn auf einmal ist für den Klienten kein Therapeut mehr da, sondern stattdessen eine sexuelle Beziehung", sagte Perner. Leider werde jenen Personen, die im Nachhinein die Konfliktsituation erkennen, oft nicht geholfen, so die Psychotherapeutin. Meist würden ihre Aussagen in Frage gestellt. Dabei hätte es durchaus heilsame Wirkung, wenn es zu einer Entschuldigung des Missbrauchenden gegenüber dem Opfer käme."


"Über die Macht der Heiler"

Format Nr. 38 / 02 (13. 09. 2002)

Österreichs prominenteste Psychotherapeutin Rotraud Perner, hat nach fast zehnjähriger Recherche das Buch "Sein wie Gott – von der Macht und Magie der Heiler" auf den Markt gebracht. Perner erklärt darin, weshalb Hilfesuchende imer wieder in den bannenden Kreis von Therapeuten, Priestern aber auch Politikern treten und wie es dabei zu ambivalenten Energieflüssen und fatalen Machtauswirkungen kommt.

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