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Königinnen ohne blaues Blut
Was Frauen stark macht - Rotraud Perner im Interview
Sie sind Psychoanalytikerin und Juristin, Professorin und Publizistin. Im August werden Sie 65. Kommt jetzt Zeit für Muße?
Nein, ich sehe meine Aufgabe jetzt darin, Kritik zu äußern, die sich Junge nicht erlauben können, weil sie zu abhängig sind. Kritik etwa daran, wie über die Bewältigung der Wirtschaftskrise diskutiert wird: rein männerintern. Dass nur an das Bankwesen gedacht wird und nicht an die Qualitäten des Zusammenlebens, nicht an mangelnde Investition in Bildung und Umwelt. Alle politischen Entscheidungen werden von Menschen getroffen, die damit ihren Charakter verwirklichen. Meine Aufgabe wird sein: Diesen Persönlichkeitsaspekt, der unter dem Vorwand der Objektivität verdeckt wird, deutlich zu machen, zu sagen: Bitte schaut's euch die Leute an, die sind ethisch nicht korrekt. Wir brauchen Personen, die risikofreudig sind - aber nicht, was Spekulation betrifft, sondern vor allem dort, wo es darum geht, gegen den Mainstream zu sprechen.
Ich merke schon, Sie wollen so gar nicht verschnaufen.
Muße bedeutet für mich, etwas anderes zu arbeiten als das übliche. Ich bin ein zu vitaler Mensch, um die Hände ruhen zu lassen. Ich seh die Aufgabe des Menschen auch primär darin, aktiv zu sein. Ausruhen tue ich mich, wenn ich schlafe.
In Ihrem Buch entwerfen Sie ein Drei-Phasen-Lebensmodell für Frauen: Erst sind wir Prinzessin, dann Königin, schließlich Königin-Mutter. Die Königinkraft, sagen Sie, liegt darin, zu führen ...
... und Energien richtig einzusetzen. Das lernen Frauen in den ersten 30 Lebensjahren, der Prinzessinnenphase. In dieser Zeit geht es darum, die eigene Kraft spüren zu lernen. In meinem Buch umfasst diese Phase auch Kritik an Frauengruppen. Erst haben wir gekämpft gegen Männer, die uns einreden wollten, wie wir sein sollen - jetzt reden uns Frauen ein, was gut und was nicht gut ist. Vor allem junge Frauen müssen sich ihre Träume bewahren - weil die Träume zeigen: Was für eine Frau will ich werden?
Die Großmutter als Königinmutter
Was gefährdet eine Königin, zwischen 30 und 60?
Als Königin geht es darum, zu herrschen, das Profil zu schärfen. Das gilt privat und beruflich, für eine Pilotin wie für eine Kassiererin. Eine Königin muss aufpassen, mit welchen Männern sie sich einlässt. Es gibt immer Männer, die Frauen vor ihren Wagen spannen.
Und worauf sollte eine Großmutter achten, von Ihnen als Königinmutter bezeichnet?
Männer basteln sich nach der Karriere oft selbst neue Aufgaben. Frauen tun das nicht, die tappen dann oft in die Großmutterfalle. Großmutter sein ist zwar fein, aber zu wenig! Mütter drängeln sich dann in das Leben ihrer Töchter hinein und saugen wie ein Vampir an ihnen. Die Königingmutter muss lernen, sich zurückzunehmen und die eigene Linie zu finden: Jetzt bin ich nicht mehr Königin, sondern graue Eminenz. Ich unterstütze und gehe offen in Konflikte rein und versuch nicht mehr, mich einzuschleimen. Das gilt im Gemeinwesen genau wie in der eigenen Familie. Die Königinmutter muss den Punkt finden, wo sie nützlich und erfolgreich ist, aber dafür hat sie dann eh 60 Jahre Zeit.
Ein wichtiger Begriff in "Königin" ist Energie.
Energiearbeit setzt man primär im Gesundheitsbereich ein, sie gehört aber auch in den sozialpolitischen Bereich und in die Selbstbestimmung. In der Traditionellen Chinesischen Medizin versucht man die Energiezentren des Körpers zu spüren. Hier im Westen spüren wir sie meist dann, wenn sie verletzt werden, etwa wenn es "einem den Magen umdreht". Gerade im Solarplexus-Chakra spüren wir Machtspiele und gerade Frauen mit ihrem Zwang, eine möglichst schlanke Taille vorweisen zu können. Auf dieses Energiezentrum müssen wir achten. Eine Möglichkeit ist: Machtspiele zu vermeiden, denn damit gewinnt man nur äußere Macht. Zum Thema Energiearbeit finden Sie einiges im Buch, aber wie sie konkret geht, erzähl ich lieber in Seminaren. Da kann sonst vieles fehlinterpretiert werden.
Frauen und Veränderung
Ein Fazit aus Ihrem Buch scheint mir zu sein: Du musst es allein schaffen. Such Dir keine Verbündete. Das hören Frauen sicher nicht gerne.
Im Endeffekt sind wir immer allein. Wir kriegen Unterstützung nur so lange, wie es andere haben wollen oder aushalten können. Auch in einem Frauennetzwerk muss eine Frau damit rechnen, dass die anderen sie herunterziehen, sobald sie beginnt, andere zu überragen - und das ist ja beim Aufstieg im Job ganz normal. Frauen haben Angst, dass die Gruppe geschwächt wird, denn sie haben ja noch nicht so viel, was ihnen weggenommen werden kann. Diesen Punkt will ich thematisieren. Ich bin schon der Meinung, dass sich Frauen Verbündete suchen sollen. Aber sie müssen damit rechnen, dass Verträge gebrochen werden. Frauen sind so naiv, so gutgläubig, so hoffnungsfroh. Das ist einerseits etwas unheimlich Schönes. Aber andererseits schadet es ihnen. Man muss sich entscheiden: Will ich vertrauen oder nicht - aber dabei immer bedenken: Ich kann mich nie hundertprozentig auf jemand anderen verlassen.
Wenn Sie anlässlich Ihres 65. Geburtstags einen Blick zurückwerfen, sehen Sie durchaus einiges, das sich für Frauen zum Guten verändert hat ...
.... beispielsweise die Fristenlösung und das partnerschaftliche Familienrecht, an denen ich jeweils mitgearbeitet habe.
Doch es gibt sicher noch genug, was Sie ärgert?
Es muss sich noch viel ändern, vor allem in der Berufswelt, was die gleiche Entlohnung und die gleichen Aufstiegschancen betrifft. Diese üblen Tragödien, wenn Frauen zu Rektorinnen an Universitäten bestellt werden sollen ... Das ist von einem Geist getragen, der geändert gehört. Dieser Geist, der Frauen als minderwertige Vergleichsmenschen sieht, obwohl die Abschlüsse und Karriereverläufe zeigen, dass Frauen viel mehr leisten, Besseres leisten und hier wirklich noch diskriminiert werden.
Job & Familie
Nicht außer acht lassen können Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Bei allem, was wir tun, folgen wir einem betriebswirtschaftlichen Grundsatz: "Make or buy". Kinder machen Frauen selber, dann müssen sie sich halt überlegen, wie sie das Leben organisieren: Wie schaffe ich es, meine Existenz zu sichern und zugleich meine seelische, körperliche und geistige Gesundheit? Diese Gegensätze zusammenzubringen ist heute ein Schwerpunkt im Coaching und Mentoring. Und das geht! Natürlich gibt es Berufe, in denen es schlechter geht. Aber auch da kann ich mich regional organisieren, selbst eine Kinderbetreuung organisieren. Man muss nur damit rechnen, dass andere kommen und das nicht haben wollen. Denn dadurch werden Frauen mächtiger.
Es geht in jedem Job sagen Sie. Wirklich in jedem?
Problematisch ist: Viele Arbeitsstrukturen sind auf Verfügbarkeit aufgebaut. Es geht nicht darum, dass Menschen an einem gemeinsamen Projekt mitarbeiten. Sondern dass sie irgendeine Chefität bedienen. Dieser Fürstenwahn ist nicht mehr zeitgemäß. Wenn man ihn abschafft, findet man Lösungen. Meiner Meinung nach ist hier auch die Kommunalpolitik gefordert: Wir brauchen Begegnungsstätten, wir brauchen Propaganda. Es ist viel wert, wenn sich Frauen gegenseitig unterstützen. Das ist nicht gegen die Männer, sondern ein Versuch, sich das Leben leichter zu machen. Die Politik muss hier Rahmenbedingungen herstellen - und nicht immer mit dem alten Modell zu kommen, Vater, Mutter, Kind, die heilige Familie.
Sind Österreichs Frauen zu mutlos?
Nicht nur die Frauen! Österreich ist ein Land der Diplomatie. Ich bin z.B. für offene Personaldebatten - das bedeutet, auszusprechen: ,Aus diesen Gründen bin ich besser als die Konkurrenz'. Das ist die Königinkraft: Zu sich stehen, weil alles wohl durchdacht ist.
Interview: Mareike Müller / Wienerin
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