Hausapotheke für die Seele
Buchrezensionen

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RATGEBER DER WOCHE
Erste Hilfe

profil 14 / 4. April 2005

Psychologie. Spontanes unerwünschtes Grübeln, plötzlich auftretende Motivationslücken, Frustrationsgefühle - dass derlei seelische Unpässlichkeiten einem mehr als nur den Tag versauen können, ist allgemein bekannt. Ganz allgemein neigt man auch dazu, solche Symptome mehr oder weniger stoisch zu durchtauchen. Dass - und vor allem: wie - sie aber auch durchaus aktiv behandelt werden können, führt Rotraud A. Perners "Die Hausapotheke für die Seele" vor. Alphabetisch geordnet, finden sich darin allerlei hilfreiches Verbandszeug für die Seele (im Fachjargon: Coping - Strategien). Ohne den Anspruch auf tief schürfende oder restlose Problemlösung zu erheben, eröffnet die Perner'sche "Hausapotheke" eine Reihe praktischer und wirksamer Erstversorgungsangebote für den Stimmungseinbruch zwischendurch.
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Schnelle Hilfe im Notfall

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Hausapotheken retten Leben, jeden Tag. Sei es, dass man ein Pflaster zur Hand hat, wenn es blutet oder man doch noch Kohletabletten gegen Durchfall findet. Rotraud A. Perner hat eine Hausapotheke für die Seele geschaffen mit Mitteln zur Soforthilfe bei „unerwünschten Gefühlen“. Jeder kennt sie, diese Nervtöter Marke „Angst, Altern, Ärger, Balance, Belästigung, Demütigung, Depression, Loslassen, Lügen, Schüchternheit, Schuldgefühle“ um nur wenige aus dem reichhaltigen Fundus zu nennen. Auf 320 Seiten gibt Perner zwei Techniken, eine mentale und eine Körpertechnik an, wie man im normalen Alltag bei diesen Problemen effektiv Hilfe leisten kann. Die Hilfsmaßnahmen ersetzen nicht unter Umständen notwendige weitergehende Maßnahmen, aber das leistet auch der normal bestückte Haushalts-Erste-Hilfe-Kasten im Katastrophenfall ebenfalls nicht, es geht ja nur um die richtige Sofortmaßnahme. 40 Jahre Beratungspraxis weist Rotraud A. Perner auf, und diese jahrzehntelange Erfahrung ermöglicht es ihr, viele Tipps und Kniffe aufzulisten.
Zunächst analysiert sie das jeweilige Gefühl, ehe sie dann auf die Erste Hilfe eingeht. Natürlich kann das bei dieser gewaltigen Vielzahl von Problemen nur in aller Kürze geschehen, und doch sind die einzelnen Punkte sorgsam herausgearbeitet. Hier macht sich die lange Erfahrung der Autorin bemerkbar, sie schafft es, die Gefühle mit wenigen Sätzen exakt darzustellen und aufzuzeigen, was man zunächst tun kann. Vieles, wie beispielsweise das „Heulende Elend“, kann ein vorübergehendes Gefühl sein, weil ein Mensch eben wirklich in einer Krise weint, die er gerade durchlebt, aber es kann auch das Anzeichen einer dahintersteckenden umfangreicheren Problematik sein. So manches Gefühl, das man gemeinhin „nicht hat“ oder wo man zugäbe, dass man es kennt (Geiz, Hinterlist, Phobien, um nur ein paar Beispiele zu nennen), findet sich in diesem Buch und so erfährt man beim Lesen vieles über die eigenen Gefühle. Das ist sehr hilfreich, denn nur Wissen ermöglicht eine Einordnung, was momentan und was pathologisch ist. Die Bandbreite der vorgestellten Gefühle ist gewaltig und bei der Lektüre fällt auf, dass das eigentlich entscheidende oftmals die Selbstprogrammierung ist. Wir führen permanent einen inneren Dialog, machen uns nieder, kritisieren uns selbst, nörgeln und flüstern uns zu „das wird nie was, gibs lieber gleich auf, du blamierst dich, das ist doch ne Nummer zu groß“, jeder von uns kennt diese Dialoge, dieses elende Miesmachermännchen, das man am liebsten aus dem Kopf sprengen würde. Die Kunst besteht darin, aus Anklagen Sachinformationen zu machen, an den Dingen zu ändern, die wirklich ändernswürdig sind und den Rest zu eliminieren.
Die Seelenhausapotheke kann so manchem Notfall den Druck nehmen, wer Atmungs- und Entspannungstechniken im Friedensfalle übt, kann im Kriegsmoment erlerntes Wissen anwenden und ist einem Gefühl nicht ausgeliefert wie eine Nussschale einem Sturm. Vor allem die körperlichen Sofortmaßnahmen bringen augenblicklich Entlastung, ermöglichen es, durchzuatmen, sich wieder durch den Körper zu sich selbst zu bringen und die Lage mit dem Verstand zu analysieren, anstatt sich in hamsterradähnlichen Endlosschleifen selbst fertig zu machen oder im Affekt zu ausgesprochen falschen Maßnahmen zu greifen.
Die Gliederung des Buches ist klar, übersichtlich und gleichbleibend, das ist verlässlich und macht ein Suchen leicht, schließlich ist man bei Notfällen gern nervös und schätzt die Ordnung sehr. Auch Nichtfachleute kommen mit der Darstellung des Gefühls und der mentalen und körperlichen Strategie gut zurecht, nichts ist Fachchinesisch, alles ist erprobt und sofort umsetzbar. Es empfiehlt sich, das Buch in „ruhigen Zeiten“ durchzuschauen, vor allem die Einleitung zu lesen, damit man dann im Notfall weiß, wo was steht. Gelegentlich schadet das Ausmisten des Seelenkastens nämlich ebensowenig etwas wie die regelmäßige Kontrolle der normalen Hausapotheke. Wer mag im Notfall schon gern abgelaufene Medikamente, uralte nicht mehr klebende Pflaster und unsterile Verbände aus der Kiste ziehen?
„Seelenleiden zu heilen vermag der Verstand nicht, die Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit alles“. Diesen Satz von Goethe hat Rotraud A. Perner ihrer Hausapotheke vorangestellt und das hat sie auch umgesetzt – entschlossene Sofortmaßnahme und dann von Fall zu Fall die weiterführende Behandlung beim Fachmann. Ein Buch für alle Fälle und jedem anzuempfehlen, der gerüstet sein möchte.
csc
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