"Hitzen" erschienen in: Der Sommer naht, es wird hitzig. Zumindest was die Reaktionen auf die Reaktionen auf die Reaktionen … betrifft. Konkret: es reagieren Volksschülerinnen auf die Hitze, indem sie Baumwollshirts mit Spaghetti-Trägern anziehen. Darauf wiederum reagieren ihre Klassenkameraden mit angeblich "anzüglichen" (vielleicht aber auch "auszüglichen"?) Bemerkungen. Darauf wiederum reagieren Lehrkräfte mit Kleidungsvorschriften: Rote Karte für dünne Träger … aber sollte es nicht besser Rote Karten für dünne Nerven geben? Dass vorpubertäre Knaben (und nicht nur die!) offen mit mehr oder weniger derben Sprüchen um Aufmerksamkeit buhlen, wissen erfahrene Jugendarbeiter/innen und nehmen das gelassen. Energie folgt der Aufmerksamkeit – man sollte das "nähren", was verstärkt werden soll, echt witzige Kreativität also durchaus, nicht aber hirnlose Anmache. Nur: viele Lehrkräfte wissen ebenso wie Angehörige anderer "sozialer" Berufe nicht, wie sie mit ihren eigenen Erregungsqualitäten – "Hitzen" – umgehen sollen. Sie wählen einfach die Vernichtung des Unangenehmen: Das beginnt mit Kleidungszensur, Rede- und Schreibeverboten, Ausschluss von sozialen Aktivitäten, "Exkommunikation", d. h. Abbruch der Kommunikation bis zum Wegsperren in Holzverschläge, Gettos und "Korrekturlagern". Hinter solch "hitzigen" Empörungen und Ausschlussaktionen verbirgt sich üblicherweise blanke Hilflosigkeit, und hinter dieser wieder ein Macht- und Größenanspruch. Von dem emeritierten Physikprofessor der Universität Wien Herbert Pietschmann stammt die Formulierung, die Reife einer Gesellschaft erkenne man an ihrem Umgang mit dem Widerspruch. Ich weise meine Student/innen immer wieder auf die Unausweichlichkeit unserer Positionen im Raum hin: Wir sehen nur, was vor uns ist – um das hinter uns Befindliche zu wissen, brauchen wir den Gegenblickwinkel, und genau deshalb sollten wir unsere Opponentenschaft wertschätzen! Denn selbst wenn man zwei Spiegel verwenden wollte – wir bekommen immer nur eine seitlich versetzte Ansicht … sozusagen ein "schiefes Bild" von unseren "Schattenanteilen". Gelassenheit im Umgang mit dem Ungewohnten, vielleicht sogar Unangepassten, erfordert menschliche Größe. Souveräntität. Die haben leider wenige. Erlernen könnte man sie an Vorbildern – nämlich authentischen "Lehrenden", die weder hitzig noch eisig auf das "Andere", Junge, manchmal auch Hitzige reagieren. Da dies heute meine letzte Kolumne ist, lade ich meine Leserschaft ein, bei Appetit meinen monatlichen Newsletter "Perners Buffet" unter newsletter@perner.info zu bestellen. |