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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Sexualtrieb"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 16.05.2008

Jetzt ist er wieder da – der Mythos vom überstarken Sexualtrieb mancher Männer. Er taucht immer dann auf, wenn es gilt, sexuelle Untreue, sexuelle Übergriffe, sexuelle Gewalt und vor allem die so genannten Sexualverbrechen zu erklären oder zu rechtfertigen.

Mit dem Begriff Mythos (auch "Glaubenssatz") wird in der systemischen Sexualtherapie das Phänomen bezeichnet, dass irgendwann eine Behauptung aufgestellt und weiterer Folge nicht mehr kritisiert wird – oder gar kritisiert werden darf. Letzterem dient auch das Natur-Etikett, wie Volker Elis Pilgrim in "Dressur zum Bösen" enttarnt hat. Besonders beliebt sind Mythen rund um das Sexuelle: Männer wollen immer nur das Eine, die Frauen dagegen gar nicht, die wollen nur geheiratet werden, und außerdem nur von reichen, daher alten Männern, Männer hingegen brauchen junge, weil nur die hülfen gegen Impotenz, Syphilis und Aids … Reicht der Hinweis, es ist halt von Natur aus so, nicht, findet man schon irgendwo in der Fachliteratur einen Autor (theologischen inbegriffen), der quasi pro domo mit Argumentationen aufwartet, die Frau gehöre eben von Natur aus ins Haus und zu den Kindern, der Mann hinaus ins feindliche Leben (Bordelle mitgemeint).

Manche versteigen sich sogar zur Behauptung, der Sexualtrieb sei stärker als Hunger. Als subjektive Wahrnehmung mag das mancher schon so empfinden – gelegentlich. Objektiv ist solch eine Behauptung unhaltbar. Sie stammt von Rattenexperimenten her: die Tierchen konnten sich mittels Hebeldruck Nahrung verschaffen oder sexuelle Stimulation. Sie sind verhungert. Nur: In der Gehirnentwicklung von Ratten und Menschen bestehen massive Unterschiede – hoffen wir doch …

Kleine Kinder von ca. drei Jahren, ja sogar Hunde kann man darauf trainieren, die Essensgier zu beherrschen. Ich erinnere mich an den riesengroßen, rabenschwarzen "Pamphili" eines Freundes, der, verzweifelnd sabbernd, erst dann zum Spurt auf den Fressnapf ansetzte, wenn sein Herrchen "Guten Appetit!" sagte. Nur: wer trainiert Männer, mit ihren sexuellen Fantasien, Begierden und Übergriffen beHERRscht umzugehen – und nicht wie ein Sklave der eigenen Triebe?

Hinter dem angeblichen überstarken Sexualtrieb mancher Männer steckt Dominanzgehabe als Selbstschutz: Täter, nur ja nicht Opfer sein. Bei Frauen hieß das im Analogfall "nymphoman". Wir wissen heute, dass sexualisiertes Verhalten immer Hinweis auf erlittene sexuelle Gewalt ist, und die beginnt, wenn Kindern Erwachsenensexualität aufgedrängt wird – in Worten, Bildern oder Taten.


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