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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Charisma"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 04.04.2008

Charismatisch ist, wer die eigene Energie voll zur Verfügung hat, sagte ich unlängst einer Journalistin, die bei mir nachhakte, ich hätte doch einmal in einem Interview gesagt, Charisma könne man lernen. Wir diskutierten hin und her, wie ich das denn gemeint hätte, ich erklärte meine Aussage in Wissenschaftssprache, sie war unzufrieden … aber schlussendlich konstatierte sie dann doch erleichtert: "Aha, Sie meinen also ,lernen' im Sinn von sich entwickeln." Genau. Ich meine lernen nicht im Sinne von ,pauken'.

Die Journalistin beschäftigte sich mit der Frage, wie gefährlich das Charisma von Führungspersönlichkeiten wäre – und: Es ist gefährlich. Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben – "Sein wie Gott – Von der Macht der Heiler: Priester, Psychotherapeuten, Politiker" (vergriffen, nur mehr bei mir erhältlich). Darin weise ich nach, mit welchen Techniken – Bewegungen, Stimmeinsatz, Gefühlsausdruck, aber auch erotischem Feuer – diese Berufsgruppen Menschen in quasi Trance versetzen, damit sie ihnen "folgen" (im Doppelsinn des Wortes).

"Das eigene Selbstwertgefühl, das Selbstvertrauen, die Selbstverantwortung nähren sich aus der Wahrheit der Gefühle", formuliert auch der Schweizer Psychologe Theodor Itten in seinem jüngst erschienen brillanten Buch "Jähzorn" (im Wiener Springer Verlag). Und genau dort beginnt die Problematik: wenn allerlei Medien-Coaches wie altmodische Regisseure Körperhaltung und Augenblitzen antrainieren. Man erinnere sich an Adolf Hitler, der mit Unterstützung des damaligen Sängerstars Paul Devrient nicht nur seine Stimmbandakrobatik perfektionierte, sondern auch vor dem Spiegel Posen einübte. Diesbezügliche Fotos sind erhalten. Moderne Regisseure hingegen gehen den Weg des legendären Actors Studio, nämlich über echte persönliche Gefühle – sie arbeiten gleichsam therapeutisch (ohne allerdings die Auslöser dieser hoch gezerrten Emotionen aufzulösen, und deswegen brauchen ja so viele Schauspieler/innen dann psychotherapeutische Unterstützung zur Erhaltung ihrer psychosozialen Gesundheit).

Wollen wir also unsere Strahlkraft, die wir als kleine Kinder ja haben, bewahren, sollten wir unsere Gefühle fließen lassen. Innerlich! Denn "enthemmen" heißt nicht, Gefühlsströme unreguliert alles überfluten lassen, etwa ihren "Straßen-Jähzorn" (Itten) öffentlich ausagieren – oder an Ehefrau, Kindern, ja sogar der Mitarbeiterschaft.


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