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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Klagen"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 21.03.2008

Juristisch entschlüsselt wird linear gedacht: Wem kann man Schuld zumessen und haftbar machen. Gibt es keine ausreichenden Beweise, kann ein Klagsbegehren von vornherein abgewiesen werden – um mutwillige Prozessführung zu vermeiden – und rachsüchtige, was auch nur zu oft psychisch kranke Menschen bedeutet, vor finanzieller Selbstzerstörung zu retten.

Psychologisch entschlüsselt spielen oft alte seelische Verletzungen, Gefühle des Nicht-Ernst-Genommen-Werdens und Unfähigkeit mit Erregungszuständen umgehen zu können mit, die eine realistische Wahrnehmung – sagen wir mal vorsichtig: unangenehmer Umstände verhindern. Schadenersatz zu fordern, kann dann kurzfristig entlasten – zumindest bis die Anwaltsrechnung kommt.

Manche Berufe sind da extrem gefährdet – Masseure beispielsweise. Ich erinnere mich an einen Fall, wo die Kundin sexuellen Übergriff einklagte, weil sie bei einem bestimmten Shiatsu-Griff im Oberschenkelbereich sexuelle Gefühle bekam. Oder eine andere, die schwere sexuelle Traumatisierung behauptete, weil sie den Penis des Masseurs zu spüren vermeinte, als er, seitlich von ihr stehend, ihre Lendenwirbelsäule bearbeitete.

Etwas wahrzunehmen, bedeutet noch lange nicht, dass dies auch real existiert – wie auch umgekehrt: Etwas nicht zu merken, heißt auch noch lange nicht, dass es nicht da ist. Im ersten Fall sprechen wir dann von Fantasien, Vermutungen oder Unterstellungen, im zweiten von Abwehr, Verleugnung oder Verdrängung. Oder aber von juristischer Beratung …

Wenn beispielsweise jemand sich "unter Druck gesetzt" fühlt, ist das als seine persönliche Reaktionsweise zu respektieren – dennoch sind Gefühle noch lange keine gerichtsfirmen Tatsachenbeweise. Will man aber jemand erklagen, dann schreibt man, juristisch ausgeklügelt, beispielsweise ein Mail über seine Gefühle und legt dies als Beweis vor … Und genau deswegen, weil zur juristischen Kunst gehört, Beweise zu "konstruieren", ist es wichtig, dass Menschen, die von Berufs wegen mit – psychologischen und / oder juristischen – Klagen zu tun haben, auf den kritischen und dennoch respektvollen Umgang mit Beschwerdeführer/innen perfekt ausgebildet sind (wie etwa durch den neuen Lehrgang an der Donau Universität siehe www.donau-uni.ac.at/de/studium/beschwerdemanagement/index.php).


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