"Nackt" erschienen in: "Millionen von Menschen nutzen jeden Tag die Londoner U-Bahn und sie haben keine Wahl, was für Werbungen sie dort sehen wollen", wurde der Sprecher der Londoner Verkehrsbetriebe unlängst zitiert, und aus diesem Grund könne man das Werbeposter für die erste große Ausstellung mit Werken des berühmten Renaissancemalers Lucas Cranach (1472–1553) nicht aushängen – denn: es zeigt dessen Gemälde "Venus" – und die ist halt nackt – abgesehen von einem Haarnetz, zwei Halsketten und einem hypertransparenten Schleier, den sie vor ihren Venushügel hält. London wird prüde. Oder ist es der Nacktheit überdrüssig, weil viel zu viele Flitzer Fußballfelder, Parkanlagen, ja auch Strassen "verunzieren"? Oder weil immer mehr Demonstrant/innen sich der Kleider entledigen, um sich mediales Interesse zu sichern? Oder sind die Entscheidungsträger der Londoner Verkehrsbetriebe einfach nur sexuell erregt worden und wehren diese menschlich allzu menschliche Reaktion ab, indem sie sie auf die Fahrgäste projizieren? Ich kann mich nicht erinnern, dass bereits derartige Entscheidungen bei anderen Plakaten oder Foldern mit nackten Frauen aus London berichtet worden wären. Zugegeben: Cranachs Meisterwerk zieht nicht nur meinen Blick magisch an und zwar auf die Leibesmitte der Liebesgöttin – ähnlich wie der erste Blick bei Goyas nackter Maja auf deren üppigen Brüsten landet oder bei Velasquez' Rückenvenus auf deren Po; das habe vor Jahren einmal ich mehrfach bei Männern und Frauen abgetestet. Möglicherweise "überträgt" sich so der Blick des Künstlers auf spätere Betrachter … und ich finde, dass eben genau das Kunst ausmacht: dass sie Gefühle auslöst, dass sie nicht gleichgültig lässt. "Es gibt nur eine Unanständigkeit des Nackten – das Nackte unanständig zu finden" zitiert der Historiker Manfred Scheuch in seinem Grundsatzwerk "Nackt – Kulturgeschichte eines Tabus im 20. Jahrhundert"" (Christian Brandstätter Verlag) Peter Altenberg. Wehmütig erinnert das an den legendären Britenkönig Heinrich VIII., der sein ungezügeltes Herumtatschen auf lockenden Frauenleibern mit dem Ausspruch "Hony soi qui mal y pense", frei übersetzt: "So wie der Schelm ist, so denkt er", kommentierte. Ich rätsele: Vielleicht haben die Londoner Verkehrsbetriebe in Wirklichkeit Angst vor muslimischen Anschlägen? Der Royal Academy ist jedenfalls zu wünschen, dass diese demonstrierte Ignoranz einen doppelt so hohen Werbeffekt erzielt. |