"Fasten" erschienen in: Im Fasching bietet sich die Gelegenheit, vieles von dem auszuleben, was im Alltag tabu ist. Ich erinnere mich an eine Mitarbeiterin seinerzeit, als ich noch Führungskraft im Verein Jugendzentren der Stadt Wien war, die sich das eine Jahr als Baby verkleidete und sich eben deshalb allen Männern auf den Schoß setzte, und das nächste Jahr war sie Nutte und setzte sich wieder allen Männern auf den Schoß … wie es weiter ging weiß ich nicht mehr, aber ihre Fantasie wird schon noch weitere Rollen oder auch Gegenstände erfunden haben, die auf Männerschößen Platz haben, und wenn es eine Aktenmappe wäre … Ich kann mich aber noch an mein blankes Entsetzen erinnern, als sich kurz nach meiner Heirat bei einem Fest einer Studienfreundin ein weiblicher Gast meinem Mann auf den Schoß setzte – ohne „entschuldigende“ Verkleidung, und auch ohne Schwips. Ich war damals hilflos, eben ohne Verhaltensmodell. Heute würde ich vielleicht freundlich hinweisen, „Sie haben den Sessel verfehlt – der ist dort!“ oder besser noch, voll Hilfsbereitschaft deuten: „Daneben! Der Sessel ist dort“. Jahre später gestand mir mein Mann im Zuge einer Ehekrise mit Altlastenabarbeitung, dass er genau so entsetzt war – nicht wegen der zugegebenermaßen durchaus angenehmen Inbesitznahme, sondern wegen seiner sprachlosen Schuldgefühle mir gegenüber. Im Fasching tut man mancherlei „zu viel des Guten“ – und leider vergessen viele, dieses Zuviel wieder ins rechte Maß einzupendeln. Rezepte gegen den physischen Kater gibt es ja reichlich – aber gegen den psychischen Katzenjammer fehlen sie nur zu oft. Das erklärt auch, weshalb nach dem Fasching-Kehraus Beratungsstellen meist einen deutlichen Besucherzustrom verzeichnen, quasi als Suche nach einem seelischen „Magenauspumpen“. Dabei würde oft schon Beziehungsfasten reichen. Denn so wie man von Zeit zu Zeit und besonders dann, wenn man über die Stränge geschlagen hat, „Entzug“ von Giftstoffen reinigt, hilft auch bei anderen Reizüberflutungen ephemere Enthaltsamkeit, (s)ein Gespür für den Gleichgewichtszustand wieder zu finden. Dabei geht es nicht einfach darum, die rausgelassene Sau wieder einzufangen, sondern grundsätzlich seine Wünsche und Fantasien mit Hemmungen und Realitätssicht in Einklang zu bringen. „So schön, wie ich es mir vorstelle, kann es dort in Wirklichkeit gar nicht sein“, sagte einmal ein Künstler, als ihn sein Bruder zu einem Ausflug überreden wollte. Aber um eben seine Fantasien genießen zu können, muss man erst welche haben. Und man muss wissen, dass sie Fantasien sind und nicht unbedingt Handlungsanleitungen. |