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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Rituale"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 11.01.2008

Dass Menschen, die regelmäßig an  religiösen Ritualen teilnehmen, damit ihre Gesundheit fördern, wie unlängst einer Studie von Joanna Maselko von der Temple University, Philadelphia zu entnehmen war, ist eigentlich nichts Neues. Neu an ihrer Studie ist hingegen, dass dies vor allem für Frauen zutrifft. Männern wurde en, Depressionen oder Alkoholabhängigkeit zu vermeiden.

Die Ursache sah die Forscherin darin, dass Frauen stärker in die soziale Gemeinschaft ihrer Kirche eingebunden seien. Ich sehe das auf Grund meiner psychotherapeutischen Erfahrungen differenzierter – denn die soziale Gemeinschaft ist eines, das Ritual selbst aber etwas anderes. Was die soziale Gemeinschaft betrifft, liegt es daran, was sich in ihr tut – Basteln, Kuchenbacken oder Räume schmücken begeistert nur einige wenige Männer, ebenso wie Rudelsaufen derzeit noch keine weibliche Domäne darstellt (wobei allerdings zu befürchten ist, dass die Girlies im Komasaufen schon „nachziehen“). Und: es sind eher die älteren Semester, die diese Beobachtungen stützen – junge Menschen sind noch nicht so „innenorientiert“ (wobei „innen“ in diesem Fall die jeweilige Religionsgesellschaft meint), sonder beweglicher, daher auch mobiler, unternehmungslustiger und „auf der Suche“ – nach Erfolg, Anerkennung oder auch „nur“ einer Partnerperson. Auch in unseren Landen hängt es von der Kreativität der Pfarrverantwortlichen ab, ob es Aktivitäten auch für Jugendliche gibt (samt der Lärm- und Störgefahr) und Jungfamilien, oder nur für Kinder und Greise (und von verfügbarem Raum).

Rituale hingegen sind sinnstiftend. Wie der Kardiologe Herbert Benson gezeigt hat, helfen oft schon die gedachten Anfangsworte eines Gebets, sich zu entspannen (und damit den Blutdruck und Herzschlag zu regulieren) und damit seine Immunkräfte zu stärken. In Gruppe gesprochen vervielfältigt sich diese Wirkung – wenn man mit dem Herzen dabei ist. Dann übt man Gottvertrauen. Genau das fördern Rituale: in wohlgeordnetem Ablauf, begleitet von eingestimmten Menschen, sich auf die Zukunft auszurichten – los zu lassen, was vorbei ist, und offen zu sein für das, was kommen mag.

Aus dieser Sicht heraus ist es für mich – abgesehen von der offenkundigen Diskriminierungsabsicht – unverständlich, weshalb schwule Paare keine religiösen Rituale erleben sollten, wenn sie sich auf Lebenszeit zu Beistand und Treue verpflichten wollen. In meiner, der evangelischen Kirche, ist das selbstverständlich – weil wir alle Kinder Gottes sind und seine Liebe weitergeben sollen.

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