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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Benehmen"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 28.12.2007

Da hielt ich doch unlängst ein Seminar „Stressmanagement“, in dessen Verlauf die Teilnehmer/innen nicht nur über das respektlose Benehmen ihrer Vorgesetzten, sondern auch über die wachsende elektronische Informationsflut klagten. Ich erarbeitete mit ihnen daraufhin, wie sie einander entstressen könnten – beispielsweise, indem sie in der Betreffzeile von e-mails bereits die Zuordnungsbergriffe für’s „cabinet“ auswiesen – also etwa „Besprechung am 10. 1.“ Oder „Projekt Stressvermeidung“ etc. – und ebenso im Haupttext nur die wesentlichsten Infos, so dass man sie gleich sehen könnte, wenn sich die Nachricht aufbaut, und alles, was mehr Lesezeit beansprucht, im Attachment beifügt. 

Für mich gehört dies zum „rücksichtsvollen“ Benehmen: dem anderen zu signalisieren, dass man ihn nicht mit Nachrichten zumüllen will, sondern die nötigsten Gedächtnisstützen für allfälliges Weiterarbeiten vermitteln – er oder sie kann dann ja nachfragen. Darüber hinaus sollte eigentlich allen klar sein, dass es sich bei cc-Zusendungen nicht um „cc-Sucht“ oder narzisstische Wichtigtuerei handelt („Schau her, was ich alles arbeite!“), sondern um dokumentatorische Absicherung gegenüber Racheengeln – denn diese vermehren sich derzeit mit Überschallgeschwindigkeit.  Heute muss man nämlich nicht nur mit verzerrten Angebereien von Wichtigtuer/innen rechnen oder Verleumdungen, sondern mit Schadenersatzklagen oder Schussattentaten.

Woran es vielfach krankt, sind geeignete Vorbilder, wie man mit Frustrationen – den eigenen wie auch anderen zugefügten – anders umgehen kann als gewalttätig. Die Action-Helden in Film und Fernsehen sind dafür jedenfalls kaum passabel, und auch Eltern fehlt dieses Wissen. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde Kindern noch mit Moralsprüchlein indoktriniert; das funktioniert heute nicht mehr. Heute werden sogar hochmoralische Bücher und Filme wie „Harry Potter“ als Propaganda für Hexenkult bekämpft, wo es doch um Freundestreue und Schutz für Schwächere geht, um Antidiskriminierung und ethisches Verhalten – dabei wäre das genau das, was auch Lehrkräften Unterstützung bieten würde gegenüber sprachlich wie auch seelisch abgestumpften wie verrohten Eltern. Gewalt in der Schule als Gipfel der Un-Arten haben bereits unerträgliche Quantitäten erreicht. Das zeigt meine heurige Stress-Forschung (veröffentlicht unter dem Titel „Mut zum Unterricht“) deutlich. Gutes Benehmen ist wieder gefragt – nicht als geziertes Gestelze, sondern um zu zeigen, dass man ein Mensch ist und kein wildes Tier.

„Aber man soll doch spontan sein!“ wandte unlängst ein Mann in einem meiner Seminare ein. Ich antwortete cool: „Ja – in der Therapiestunde!“ Dort hat man bekanntlich weitgehend „Narrenfreiheit“. Außerhalb nicht. Das hat schon Sigmund Freud gesagt. Und das gilt auch für feuchtfröhliche Feste.


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