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"Beziehungsweise"
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Foto: Helmut Klein

"Ehemüdigkeit"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 07.09.2007

„Die Ehe ist tot – lang lebe die Ehe“ lautet der Titel eines Buches des schweizer-amerikanischen Psychoanalytikers Adolf Guggenbühl-Craig (nicht zu verwechseln mit seinem Neffen, dem gelegentlich auch in Österreich wirkenden Männerforscher Allan Guggenbühl), in dem er kritisiert, dass die „Vergangenheitsverehrung“ – es wäre der Zeitgeist mit seinem Sittenverfall und der Auflösung der Werte, der die Ehe als Institution langsam zersetze, und früher wäre alles besser gewesen – dem Verständnis der meisten gesellschaftlichen Phänomene ebenso wenig diene wie die Sehnsucht nach einer „guten“ Zukunft. Ehe ist eben wirklich eine „Institution“ – eine „Einrichtung“, also etwas künstlich, d. h. juristisch Geschaffenes, daher veränderbar, und das heißt konkret: zu gestalten.

Gesetzliche wie vertragliche Regeln dienen immer der Klarheit – man soll sich auskennen, und der Ordnung – es soll kein Durcheinander geben, und insgeheim auch Machtinteressen. Guggenbühl formuliert mit entwaffnender Deutlichkeit, „Gewisse Anthropologen lieben die Phantasie, dass die Menschen zuerst in Horden lebten und in völliger sexueller Promiskuität … Kinder wurden von der ganzen Horde aufgezogen …“, wo hingegen „Andere Gelehrte lieben andere Phantasien. Ehe und Familie gelten ihnen als ursprünglich und primär. Denn viele höhere Formen von Säugetieren führen ,Ehen’, sei es nun Einehe oder Polygamie …“ In der weiteren Folge unterscheidet er vier verschiedene Typen von Ehen: die „bäurische“, auf gemeinsame Arbeit aufgebaute Ehe, die „Kinderheim-Ehe“, die „politische Ehe“, in der es um staatspolitische oder wirtschaftliche, aber auch z. B. kriminelle Macht geht wie bei den Clans der Mafia, und die „Sklaven-Ehe“, wo der Mann die Frau als Haushalts- oder Sexsklavin „hält“ oder die Frau den Mann als Arbeitskraft und Ernährer. Hier kritisiert Guggenbühl auch das stolze Besitzwort „mein xy“, das die Eigenständigkeit der Person löscht. Leider ist es in der „Leute“-Berichterstatung üblich geworden, zu schreiben: „… und es kam der Landeshauptmann mit ,seiner’ Sissy“ – obwohl die eine g’standene Frau mit einem eigenen Beruf ist und nicht nur ein Anhängsel, oder „der Baumeister mit ,seiner’ Mausi“. Da hat es sich allerdings jetzt ausgemaust. In den Elvis-Presley-Gedenksendungen der letzten Woche konnte man auch erfahren, dass Priscilla Presley die Scheidung wollte, weil sie ein eigenes Leben führen mochte und nicht nur eine Haussklavinnen-Ehe.

Wenn also aktuell gefragt wird, weshalb so viele nicht mehr heiraten oder sich immer wieder scheiden lassen, dann nicht, weil die Ehe „gescheitert“ ist – welche Negativ-Suggestion! – sondern weil sich eine/r weiter entwickelt hat und der, seltener die, andere nicht. Die klassischen Ehegründe sind heute vielfach weggefallen – die neuen muss man tagtäglich erarbeiten.


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