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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Ehelosigkeit"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 10.08.2007

Ich möge doch ein paar „psychologische“ Argumente liefern, dass Ehelosigkeit nicht krank mache, bat mich unlängst eine Mitarbeiterin der Erzdiözese Wien um einen Text für eine Zeitschrift zur Förderung des geistlichen Lebens. Mein Text hat ihr bzw. der Redaktion dann aber nicht gefallen, und wir mailten hin und her und ich erklärte und erklärte … und jetzt bin ich gespannt, ob sie mein Werk vielleicht doch bringen oder eben, wie angekündigt, nicht.

Das erste Missverständnis bestand darin, dass die Redakteurin eine ziemlich vorgefasste Ansicht hatte, wie psychologische Argumente aussehen sollten. Sie steht damit nicht allein – denn immer wieder rufen Medienleute bei mir an und wünschen sich „sechs Tipps zu gelungenem Sex“ oder „zehn Ratschläge zur Kindererziehung“ oder auch „drei Punkte, wie man Probleme löst“. Wie wenn das Leben so einfach zu „programmieren“ wäre! Leben im Autopilot sozusagen.

Professionelle psychologische Beratung muss individuell maßgeschneidert werden, sonst wird es nur eine allgemeine Moralpredigt oder die höchstpersönliche Weltsicht der Ratgebenden. Und sie muss „nach den Regeln der Kunst“ eigenes Verhalten und eigene Potenziale der Ratsuchenden ins Bewusstsein bringen, und das ohne Komplimente oder Warnungen, ohne Zuschreibungen und überhaupt ohne heimliche Suggestionen. Das ist schwierig, weil die meisten Menschen eben nur ein schnelles „How to do“ wissen wollen – und nicht, wieso sie überhaupt auf die Idee kommen, etwas ändern zu wollen oder zu sollen.

Am Beispiel der Ehelosigkeit heißt dies, die Frage zu stellen: Wie kommt denn jemand überhaupt auf die Idee, dass man durch Ehelosigkeit krank werden könne? Meist ist es ja gerade umgekehrt, dass nämlich „toxische Beziehungen“ krank machen … Wenn man dieser Frage nachgeht, stößt man unweigerlich auf Sigmund Freud und Wilhelm Reich (und deren Nachbeterschaft), die ihre Beobachtung aufzeigten, wie sehr psychische Leidenszustände mit unterdrückten sexuellen Impulsen zusammenhängen – Betonung auf „ihre Beobachtung“ und „unterdrückt“. Das, was krank machte, war vor allem die Angst vor den Folgen.

Man kann nur die Ereignisse am Beobachter beobachten, zeigte Albert Einstein auf: Was jemandem auffällt, hat immer vor allem mit dieser Person zu tun. Wer also beispielsweise Ehelosigkeit (und damit modern formuliert, Singletum) als ganz normal empfindet – wie es bis vor die Mitte des vorigen Jahrhunderts mit all seinen üblichen Eheverboten war – wird wohl kaum auf die Idee kommen, dadurch krank zu werden. Außer er kann sich nicht selbst Essen zubereiten und die engste Umwelt säubern – oder will das nicht und trotzt.


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