"Tosca heute" erschienen in: In Puccinis gleichnamiger Oper ersticht die Sängerin Tosca den lüsternen Polizeipräsidenten Scarpia, als er seine von ihr erbetene Gefälligkeit, ihren Liebhaber vor der Todesstrafe zu bewahren, von ihrer sexuellen Gefälligkeit abhängig machen will. Er will nicht mit Geld bestochen werden, sondern mit dem Körper der schönen Frau. Wenn jemand nun meinen möchte, das wären eben die napoleonischen Zeiten gewesen und heute gäbe es so was nicht mehr, so muss ich derart gutgläubige Menschen aus meiner Beratungs- und Coaching-Erfahrung enttäuschen: Noch immer versuchen manche Männer mit Macht Erstnachtsrechte oder sexuelle Dienstleistungen einzufordern, wenn sie sich der Ohnmacht untergeordneter Frauen – von Männern weiß ich nur einen vergleichbaren Fall – sicher sind. Der Bösewicht Scarpia in Puccinis Oper konnte sich dieser Unterwürfigkeit nicht sicher sein – die, wie das Publikum im Verlauf der Handlung erfahren konnte, ohnedies zu heftigen Leidenschaftsausbrüchen neigende Tosca lässt ihren aggressiven Gefühlen freien Lauf. Nun muss – und soll – es ja nicht gleich Mord sein, aber Aggression als homöopathisches Heilmittel gegen die Aggression anderer bewährt sich meist. Zumindest im Augenblick der Attacke. Und die gibt es heute wie dazumal. Immer wieder höre ich – oder erlebe auch live mit – wie sich ältere Herren an jüngere Frauen heranmachen, die irgendetwas beruflich von ihnen brauchen, sie abtatschen und mit Fragen nach ihrem Wohnort „löchern“, nächtliche Besuche ankündigen und die Frauen dadurch in peinliche Situationen bringen. Denn auch wenn etwa die Frau, deren Augen- und Ohrenzeugin ich zuletzt war, deutlich „zu“ macht, ihre Adresse nicht preisgibt, und darum ringt, sich korrekt zu verhalten – vor allem auch, weil sie ja auf Grund beruflicher Notwendigkeit mit diesem Schwerenöter eine kooperative Basis schaffen möchte – den selbsternannten „Fürsten“ genieren diese Abwehrsignale ebenso wenig wie seine unangenehm berührte Zuseherschaft. Ja hat der denn gar keine Selbstwahrnehmung, dass er kein adäquater Geschlechtspartner ist, frage ich die so belästigte Frau, so alt und versoffen wie er ist, und warum sie ihn nicht deutlicher abgewehrt habe, „sanfter“ vielleicht von ihren Kindern gesprochen habe oder von ihrem Lebenspartner …? Hilft alles nichts, erklärt mir die junge Frau, das respektieren die nicht, ganz im Gegenteil, das spornt ihre Jagdlust nur an, und der Gefahr einer üblen Nachrede wolle sie sich nicht aussetzen, das könne sie sich beruflich nicht leisten, daher weiter gequälte Miene zum lästigen Spiel machen und hoffen, „unbegleitete“ aus der Situation weg zu kommen. Und genau darum geht es: um die unausgesprochene Drohung der üblen Nachrede, die Frauen so oft erleben, wenn sie sich nicht als willfährige Dienerinnen anpassen. Das muss gar nicht im sexuellen Bereich sein – es reicht schon, wenn frau „dagegen redet“, sich wehrt und ihre Aggressivität nicht zurückhält. |