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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Kids Sex"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 13.07.2007

Österreich läge mit einem First-Sex-Alter von 17,3 Jahren vor den anderen von insgesamt 26 Ländern, in denen der Kondomhersteller Durex nachfragen ließ, ob dabei auch Präservative benutzt würden.

Ich mag solche Meldungen nicht – auch wenn ich es gut finde, wenn immer wieder daran erinnert wird, dass man(n) – und sicherheitshalber auch frau – stets Verhüterlis dabei haben sollte. Und außerdem mag ich solche Meldungen deshalb nicht, weil sie weder die Fragen der Erhebung klar legen noch die Eckdaten, sondern nur einen Mittelwert, in dem die Asketen genau so enthalten sind wie die sexualisierten Missbrauchsüberlebenden, die ihre Grenzen nicht verteidigen und stets in der Hoffnung, endlich wahrhaft geliebt zu werden, von einem „Abenteuer“ sprich Ausbeutungserleben zum anderen taumeln.

Wenn noch dazu gejubelt wird, Österreich sei Weltmeister im frühen Sex, dann wird damit die Botschaft transportiert, es sei wünschenswert, so früh wie möglich sexuell aktiv zu werden – und gleichzeitig werden die Länder, die dieses Ziel nicht verfolgen, abgewertet. Altmodisch, verklemmt, verzopft. Wenn man hingegen die wenigen Zahlen, die Durex publizierte, genauer ansieht, dann liegt an zweiter Stelle Brasilien mit 17,4 Jahren – ein Land, das unter Insidern als Paradies für sexuelle Kontakte mit kindlichen Mädchen gilt, in dem Kinder verschwinden und viele von ihnen auf der Straße leben. An der letzten Stellen der Liste rangieren dann China mit 22,1 Jahren, Indien mit 22,9 und Malaysia mit 23 Jahren – Länder, in denen noch strenge Familienzucht herrscht und vorehelicher Sex die Heiratschancen junger Frauen massiv mindert – so wie bei uns vor sechzig, siebzig Jahren.

Man muss die sozialen Bedingungen der Länder mit einbeziehen, will man seriös forschen und publizieren: die Wirtschaftslage, die Familienstrukturen, die Selbstbestimmungs- und Selbsterhaltungsfähigkeit von Frauen, die Formen der sexuellen Gewalt, insbesondere Kinderprostitution. Ich bezweifele, dass diese Fragen gestellt wurden – für einen Kondomhersteller geht es vermutlich ja nur um die Frage, ob Jugendliche seine Produkte kennen und anwenden. Denn: Sex – im Gegensatz zu „gelebter Sexualität“ – ist mittlerweile ein Riesengeschäft für mannigfaltige Industriezweige, und dafür wird eben auch geworben, verbrämt mit einem „wissenschaftlichen“ Mäntelchen – und wir Wissenschaftler/innen sind froh, wenn wir an Daten herankommen und unsere Arbeit finanziert wird …

Wenn wir in Westeuropa derzeit aber erfahren, wie es dem 17jährigen Deutschen in der Türkei geht, der angeblich eine 13jährige Britin sexuell – ja was denn? – haben soll und deswegen bereits drei Monate inhaftiert ist, dann sollten wir die allgegenwärtige Sex-Propaganda vielleicht zusätzlich zu der Warnung der Gesundheitsministerin vor Ansteckung und Frühschwangerschaft auch mit einer der Justizministerin versehen.


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