Perner Archiv

 
"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Streicheleinheiten"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 29.06.2007

Eine Schulter-Nacken-Massage durch den Partner lasse augenblicklich den Stresshormonpegel bei Frauen sinken, hätten Forscher der Universität Zürich festgestellt, Männern hingegen helfen „gute Worte“. Das wundert mich nicht – eher, dass man heute alle Alltagsweisheiten empirisch nachweisen muss … So hatte ich einst Borreliose, von mir diagnostiziert, von einer Hautärztin, Teilnehmerin in meinem gleichzeitigen Seminar, auf meine Frage hin bestätigt – nur meine Hausärztin wollte unbedingt noch zusätzliche Untersuchungen starten, und antwortete auf meine Frage, weshalb – „Sieht doch aus wie Borreliose, habe alle Symptome von Borreliose, hatte einen Spinnenbiss“ – damit ich sie nicht wegen möglicher Fehldiagnose belangen könne …

Das Geheimnis des Wegstreichelns oder Wegredens von Stresshormonausschüttungen besteht darin: Wenn Menschen in Stress geraten, also ihr Erregungsniveau steigt und sie dadurch „ruhende Kraft“ verlieren, wünschen sie sich zumeist irgendetwas, das ihnen hilft, sich zu entspannen, sich geborgen und vor allem: sozial unterstützt und gleichzeitig aber auch anerkannt zu fühlen. Also nicht als hilfsbedürftig angesehen zu werden, sondern „wahr“-genommen in einer anstrengenden Situation. Im traditionellen Frauenrollenbild darf sich frau eine starke Schulter wünschen, an die sie sich anlehnen kann, einen Pseudo-Pappi (Pseudo-Mammi), der (die) sie in die Arme nimmt, hält, ein bisschen streichelt, und wenn eine Massage draus wird, entspannt das dreifach – körperlich, seelisch, geistig.

Es wurde aber auch schon vor langer Zeit empirisch festgestellt, dass auch bei der Person, die streichelt, sich der Blutdruck normalisiert, der Herzschlag ruhig wird und die Immunkräfte steigen. Darauf basiert ja auch die tiergestützte Streicheltherapie, die in manchen Einrichtungen für pflegebedürftige ältere Menschen angeboten wird. Ich hatte selbst zwei dieser „Tierapeutinnen“ in der jedes Jahr im Herbst von mir an der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin durchgeführten Lebensberaterausbildung mit zusätzlicher Spezialisierung auf Sexualität, Gewaltprävention und Gender-Sensibilität, die sich so zusätzliche Kompetenzen in der Arbeit mit chronisch kranken oder behinderten Menschen erwarben, weil noch immer so viele Tabus gegen körperliche Zärtlichkeit bestehen.

Und genau da gibt es die Geschlechterdifferenz – dass nämlich Männer sich auf körperliche Streicheleinheiten hin weniger leicht entspannen, sondern eher auf „unanständige“ Gedanken kommen … So habe ich oft von Frauen die Klage gehört, ihre Männer wollten trotz übler Nackenschmerzen nicht massiert werden – kämen sich da entweder zu sehr „bemuttert“ und daher kindlich vor, oder sie würden sofort aus dem Gewand hüpfen so im Sinne von „Ich komme ja schon“, nämlich ins Schlafzimmer.

Von der weltberühmten Primatenforscherin Jane Goodall stammen die Erkenntnisse, dass die Bonobos – im Gegensatz zu anderen Menschenaffen – vor allem deshalb so friedlich sind, weil sie ausgiebig Zärtlichkeiten pflegen: Wird eine/r aggressiv, wird er oder sie sofort gestreichelt. „Niedergestreichelt!“, werden jetzt vielleicht einige alte Kämpen ätzen. Nein – das ist schon eine menschliche Variation. Es geht darum, dass man selbst – oder auch wer anderer – merkt, wenn man sich verkrampft und ihm oder ihr dann zu Entspannung verhilft. Gute Worte können das auch leisten – vorausgesetzt, sie werden nicht im Befehlston gebellt, sondern in Ruhe und einfühlsam gesprochen. Sozusagen als „Wort auf Rezept“! (So auch der Titel meines jüngsten Buches).


-->  zurück
-->  zum Seitenanfang