"Herumludern" erschienen in: Irgendwann wird sich hoffentlich die Aufmerksamkeit der Menschen auf wichtigere Dinge richten als auf „sex and crime“, personifiziert in Stars und Starlets. Wenn ich mir die nationale wie internationale so genannte Gesellschaftsberichterstattung anschaue, bin ich aber nicht sehr optimistisch. Denn offensichtlich sind die selben JournalistInnen, die gegen die Verrohung der Jugend schreiben und für Babybäuche, egal ob an Models, Schauspielerinnen oder Politikerinnen, weniger sensibel, wenn es um die Vorbilder der Kids geht – der eigenen wie der fremden, denn wer weiß schon, wen der eigene Nachwuchs als besten Freund daherschleppt – bei „Rat mal wer zum Essen kommt“ handelt es sich ja meistens nicht um Rechtsanwälte sondern eher das Gegenteil … und wenn ohnedies niemand Erwachsener zu Hause ist, ist’s schon egal, mit wem man sein Junk Food teilt, Hauptsache irgendwer. Die heurige Forschung des Instituts für Stressprophylaxe & Salutogenese (ISS), das ich leite, erhebt die berufsbedingte Stressbelastung von Lehrkräften; dass sich überwiegend Hauptschulen meldeten, zeigt schon, wo Lehrer/innen am meisten Stress empfinden, und was es konkret ist, sind die veränderten Umgangsformen und Verhaltensweisen der Heranwachsenden. Da gehen 11jährige Mädchen „unten ohne“ in die Schule, weil sie sein wollen wie Paris Hilton – nur hat die Body Guards, die aufpassen, dass sich niemand Unerwünschter an ihr „vergreift“. Oder sie finden Drogen cool, weil die Kate Moss nimmt ja auch welche und der Robbie Williams und ohne Führerschein fahren und noch dazu betrunken, ist halt auch geil – steht ja alles in der Zeitung, hört und sieht man in den Lifestylenachrichten, weiß man halt … Jetzt muss Hilton sitzen, und wieder sind die Zeitungen voll davon. Irgendein Klatschjournalist hat Los Angeles als „Land der Versuchung“ bezeichnet, weil die Promis hier von der Illusion lebten, dass ihnen alles zustehe. Nicht nur dort … das hat schon der Psychoanalytiker Johannes Cremerius in seiner Abhandlung über die Schwierigkeiten in der Psychotherapie der „Reichen und Mächtigen“ ausführlich dargelegt; die sind vielfach gewohnt, Gesetze zu beeinflussen, weil in ihren Augen Politiker einfach zu kaufen sind. Oft braucht es nicht einmal Wahlspenden oder die Schaffung eines Pseudo-Arbeitsplatzes. Manchmal genügt schon ein Yacht-Urlaub … Es ist anzunehmen, dass es jetzt bald eine Paris-Hilton-Knast-Mode geben wird … Oder einen Paris-Hilton-Knast-Drink. So wie die Männermode, Hosen auf Tiefgang und Schuhe ohne Bänder aus dem Häfen stammt – nämlich von Rapper Tupac Shakur, der in den 90er Jahren wegen sexueller Übergriffe inhaftiert war und dem wie üblich Gürtel und Schnürsenkel weggenommen worden waren. Als ihn seine Freunde besuchten, sahen sie dies und ahmten es nach – aus Solidarität mit ihrem einsitzenden Kumpel, vielleicht auch aus Verehrung und auch als Protest gegen die Häfen-Spielregeln. In Europa wurde dies dank raffinierter Marketingstrategien zu einer „teuren Attitüde“ von Kindern, die in der Schule keine Außenseiterposition einnehmen wollen, schreibt der Freiburger Neurobiologieprofessor Joachim Bauer in seinem letzten Buch „Lob der Schule“, und er meint: „Auszusehen wie ein in einem US-Gefängnis inhaftierter Jugendlicher und die dazu gehörenden Attitüden zu imitieren ist cooler als die ,peinliche’ Situation, ein europäischer Jugendlicher zu sein, eine – im Vergleich zu den USA – gute öffentliche Schule zu besuchen und sich abends an einen gedeckten Tisch setzen zu können. Das ist ja die eigentliche Lust: der Protest gegen die „Alten“, die als einschränkend erlebt werden, und das Alte, das sie vertreten. Darin liegt aber auch viel Kraft für Neues – aber um das zu kreieren, sind die propagierten Party-Luder und Alk- und Koks-Brüder nicht die geeigneten Vorbilder. |