"Stutzlust" erschienen in: Da mailt mir doch eine Leserin, ich sollte mal über die groben Verstümmelungen der Bäume schreiben und die Ignoranz der Männer, die so brutal die Natur beschneiden – im wahrsten Sinn des Wortes. Dazu: Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir Experten des Stadtgartenamtes in den Seminaren „Gesprächsführung in schwierigen Situationen“, die ich früher jahrelang für Bedienstete der Gemeinde Wien gestaltete, erklärten, dass dies durchaus so durchgeführt werden müsse, sie aber immer wieder mit den Beschwerden von Anrainer/innen konfrontiert seien, die dies als quasi Kastration empfänden. Warum regt diese gärtnerische Maßnahme manche so sehr auf, andere wiederum so gar nicht? Ein Wiener Bürgermeister musste Anfang der 70er Jahre aus dem Amt scheiden, weil er die Proteste der Bevölkerung gegen Baumschlägerungen (im Sternwartepark) nicht ernst genug nahm. In der Zwischenzeit sind Bäume zum schützenswerten Gut erklärt worden – und auf der Ringstrasse wird sogar mit leicht obszönen Plakaten für die Pflege der „sensiblen“ Stellen geworben … Es ist also wohl nicht die Tatsache der – mehr oder weniger – nötigen Baumhygiene, sondern die Handlung des Absägens, die manche auf die Barrikaden treibt. Das Wort hat ja auch Doppelsinn: etwas absägen – jemand absägen. Jemand zurecht stutzen. Wir leben in einer dualen Welt – einer Welt der Gegensätze, insofern „erkennen“ wir bekanntlich Gut und Böse und sympathisieren mit der einen oder anderen Position. Wir identifizieren uns entweder – beispielsweise mit den Bäumen – oder bekämpfen diese Verschwisterungen und sorgen dafür, dass „die Bäume nicht in den Himmel wachsen“. Zu letzterer Gruppe gehörte etwa der zu seiner Zeit – Mitte des 19. Jahrhunderts – hoch berühmte Kinderarzt und eifrige Buchschreiber und Namensgeber der Schrebergärten, Dr. Schreber, und der nicht nur die Obstbäume im Spalier sehen wollte, sondern auch seine Söhne, die bekanntlich beide Selbstmord begingen – einer, Richter von Beruf, nach jahrelangem Aufenthalt in einem psychiatrischen Krankenhaus, worüber er in einer Phase der klaren Weltsicht auch ein Buch, „Die Denkwürdigkeiten eines Wahnsinnigen“, verfasste. Heute wissen wir, dass seine Wahnvorstellungen exakt die Körperertüchtigungsübungen seines Vaters widerspiegelten: So entsprach die Wahnvorstellung, durch ein „Wunder“ würde die Augen von einer fremden Macht bewegt, der Augengymnastik, zu der Schreber senior seine Sprösslinge tagtäglich verdonnerte. (nachzulesen bei Morton Schatzmann, „Die Angst vor dem Vater“) Obwohl wir heute wissen, dass Kinder liebevolles Verständnis und viel Geduld brauchen, gibt es immer noch Anhänger der altmodischen Exerziermethode, wonach man Kindern „die Wadeln nach vorn richten“ müsse. Dann knickt man allerdings ein – und mit dem aufrechten Gang ist es vorbei. Mitfühlende Menschen reagieren auf analoge Gewaltaktionen – auch bei Bruder Baum. Menschen mit sadistischen Zügen – und das sind die, die selbst so erzogen wurden und kein kritisches Nachdenken darüber wagen, was ihnen angetan wurde – halten hingegen lieber zu Dr. Schreber. Da kann man dann Plädoyers für die „g’sunde Watsch’n“ hören oder Worte wie „Mir hat das auch nicht geschadet“ – was nur beweist, dass es geschadet, nämlich verroht hat. Macht über andere auszuüben kann sehr lustvoll sein – das macht ja Macht so gefährlich. Deswegen ist es ja so wichtig, dass Angehörige von Autoritätsberufen wie Exekutivbeamt/innen, Lehrer/innen, Richter/innen oder Ärzt/innen, um nur einige zu nennen, sich regelmäßig in Supervision mit ihrer Machtausübung kritisch auseinander setzen. |