"Verführung" erschienen in: Zuerst kam die Einladung – von einer PR-Firma: ich möge mich als „VIP-Gast“ bei der Vernissage einer „spektakulären Ausstellung im Minoritenkloster Tulln“ begrüßen lassen. Der Titel: „Die Kunst der Verführung“, und den samt Werbebild sieht man jetzt ja auch bereits auf vielen Plakatwänden. Genau dieses Werbebild hat mich veranlasst, nicht hinzugehen. Es hat mich nicht verführt – ganz im Gegenteil. Es stellt eine nackte Frau dar – Vorbild war nach der Ähnlichkeit wohl die 1966 in dem Film „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ als Steinzeitfrau im Leder-Bikini berühmt gewordene, heute fast siebzig Jahre alte Raquel Welch – die beinebaumelnd in einem Sektglas sitzt (die verdrängte Cocktail-Olive liegt daneben … typisch Opas Kino halt). Junge vitale Männer lockt so ein Sujet nicht mehr hinter dem Ofen hervor und Frauen bevorzugen was Anderes unter dem Titel „Erotik“. „Ausstellung erotischer Werke von Schiele bis Warhol“ nennt sich nämlich die Exposition und es entbehrt nicht einer zynischen Pikanterie, den wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Egon Schiele als Leitfigur für eine Erotikausstellung in einem Kloster zu zitieren … ebenso wie Sätze des Kurators Univ. Prof. Dr. Walter Schurian im Begleitschreiben, wenn er formuliert: „Die Erotik des Menschen besteht in einer breit gefächerten Fähigkeit zur Liebe. Sie hat sich im Verlauf der Menschwerdung nach und nach herausgebildet und bis heute zunehmend differenziert und verfeinert …“ Was bitte hat eine nackte Frau im Sektglas mit Liebe zu tun? Außer mit der Selbstliebe oder besser Selbstgefälligkeit des – männlichen – Betrachters, der sich, fest in der ersten, der oralen Phase der psychosexuellen Entwicklung steckend, als Vernascher und Genießer phantasieren kann? Statt nur Mamis Brust die ganze Mami als berauschendes Trinkgelage … Das mag zwar sexualisierte frühkindliche Bedürfnisse befriedigen – so wie ja auch die Sehnsucht vieler Frauen nach Kuschelsex in die früheste Kindheit weist – aber nur bei der Männergeneration der Geburtsjahrgänge vor 1940, die der Pastoraltheologe und Männerforscher Paul Zulehner als die „alten Männer“ klassifiziert gegenüber den „neuen“ – geboren nach 1960 – und den ratlosen Zwischenjahrgängen, die nicht mehr altmodisch-spießig samt zugehöriger Doppelmoral sein wollen, sich aber mit einem anderen Zu- und Umgang zum und mit dem anderen Geschlecht (oder auch dem eigenen) ziemlich schwer tun. Erotik: Das ist das leibhaftig verspürte Knistern zwischen Personen, die einander als potenzielle Geschlechtspartner wahrnehmen, aktuell oder erinnert. „Frau im Sektglas“ gehört weder zu der einen noch zur anderen Neurosignatur (= eingespeicherte Reiz-Reaktions-Muster im Gehirn), sondern höchstens zu sexistischen Machtphantasien. Nicht sexistisch wäre das Sujet dann, wenn es problemlos umkehrbar wäre: Alfred Gusenbauer, Willi Molterer oder sämtliche Chefredakteure nackt im Sektglas … Aber seit der seinerzeitigen profil-Foto-Montage mit Vranitzkys Kopf auf einem attraktiv-behaarten nackten Männerkörper ist ja bekannt, wie Gerichte urteilen, wenn Männer angeblich „erotisch“ dargestellt werden … |