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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Dancing Stars"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 04.05.2007

Im alten Rom waren es die Gladiatorenkämpfe, mit denen das potenziell aufrührerische Volk satt und friedlich gehalten wurde – psychoanalytisch gesehen eine klassische „Verschiebung“: Statt auf die Idee zu kommen, die Frage „Leben oder Tod“ auf Kaiser oder Volkstribun auszurichten, durfte man über die Kämpfer in der Arena das Vernichtungsurteil fällen – außer es hatten die Löwen schon vorweg genommen.

Heute liefern Fernsehsendungen wie Big Brother, Taxi Orange, Star Mania oder die Dancing Stars, Raum für die Lust am Kritisieren, Polarisieren, Fanatisieren und letztlich „Herr-über-Leben-und-Tod-Spielen“ – und das ist besser als Fußball- Übertragungen, immerhin darf man ja selbst Schiedsrichter sein.

Und wie bei derartigen Sportereignissen wohnt auch diesen Sendungen, hat man sich einmal „eingelebt“, ein klein wenig Suchtpotenzial inne – denn die so genannte Wettlust, eigentlich Wettgier, kann ganz schön lebensbestimmend werden, merkbar daran, wenn sich Freitag Abend oder wann immer der „Kick“ zu erwarten ist, Unruhe breit macht, andere Freizeitgestaltungsmöglichkeiten in den Hintergrund treten, und, falls man vom erwarteten Hochgefühl abgelenkt wird, „Entzugserscheinungen“ – Gereiztheit, Aggressionen – auftreten. Dann ist es oft nur ein winziger Schritt in Richtung Spielsucht – wenn nämlich Wetten gegen Geld abgeschlossen werden und womöglich noch irgendwer anderer als der erhoffte „Wettkönig“ daran verdient. Bei den oben angeführten Fernsehsendungen sind es jedenfalls die Telekommunikationsfirmen, die daran verdienen …

Warum diesmal so früh zuerst Frauen hinaus gewählt wurden, rätselten manche Gazetten, und warum der stocksteife Hampelmann Michi Tschugnall nicht gleich abgewählt wurde. Das liegt nicht nur an lokalen Fan-Gemeinden oder organisierter Unterstützung, sondern auch an der Suggestivfrage, wen man das nächste Mal wieder sehen will: Es geht ja nicht nur darum, wer am besten tanzt oder wer die beste Show macht – letzteres wird ja von der Jury ziemlich deutlich gemacht! – sondern darum, an wem man sich delektieren will. Das alte Rom lässt grüßen.

Ich erinnere an die deutsche Parallel-Sendung „Let’s dance“, in der die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis, sichtlich angestrengt im dezenten Gouvernantenlook von ihrem jungen Profipartner übers Parkett „gerettet“ wurde (vorgeblich, um die Auftrittsgage für ein Kinderhilfswerk zu erarbeiten). Vermutlich war es nicht die Unterstützung für dieses angegebene hehre Ziel, sondern hämische Vorfreude, wie unbeholfen die Frau im Großmutteralter wohl die lateinamerikanischen Tanzaufgaben verpatzen würde. Umgekehrt sind es die halbnackten Profitänzerinnen, die man(n) wieder sehen will, weswegen die Promi-Männer mehr Stimmen bekommen.


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