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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Schönheit"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 20.04.2007

Über Geschmäcker lässt sich bekanntlich nicht streiten – außer wenn es um weibliche Schönheit geht. Da bilden sich schnell die Fronten, und kaum jemand formuliert subjektiv, deklariert also die eigenen Vorlieben, sondern es wird die eigene Position absolut gesetzt. Dann verteidigen Frauen je nach Body Mass Index Übergewicht als vollblutweibliche Fülle oder Hungergestalt als mädchenhafte Zartheit. Denn irgendwann fühlen sie sich dazu herausgefordert, ihre Körperform zu vereidigen. Irgendwann heißt dann oft: wenn sie spüren, dass irgendwer will, dass sie anders sein sollen als sie sind. (Männer ersparen sich das meist, denn laut Tante Jolesch ist bekanntlich alles, was ein Mann „schöner ist als ein Aff“, Luxus.)

Das beginnt oft schon bei den Eltern, die an ihren Kindern herum nörgeln anstatt ihnen beizustehen, wenn sie die vielen Phasen der körperlichen Veränderungen durchlaufen, bis sie mehr oder weniger ihre „Form“ gefunden haben. Es ist ja gar nicht so einfach, sich selbst auszuhalten, wenn die anderen in der Gleichaltrigengruppe schon größer, proportionierter oder Leitbild-ähnlicher sind als man selbst. Da braucht man nicht noch häusliche Besserwisser, die einem das tagtäglich vorhalten, sondern Menschen, die einem erklären, wem in der Familie man nachgerät und mit welchen weiteren Entwicklungen man zu rechnen hat.

Heute leben wir in einer Zeit, in der die allpräsente Produkt- und Dienstleistungswerbung uns suggeriert, alles wäre machbar: ein bisschen zu viel Fett auf den Hüften? Kein Problem, saugen wir ab. Falten im Gesicht? Kein Problem, spritzen wir auf. Nur keine Anzeichen des Alters aufweisen – daher schnell die Angst abwehren, zum Alteisen gezählt zu werden. Das treibt viele Frauen und zunehmend auch Männer dazu, ihren Selbsthass dadurch auszuagieren, dass sie sich unters Messer legen oder unter die Giftspritze, anstatt zu reflektieren, warum sie der Illusion nachlaufen, „for ever young“ sein zu können (oder zumindest so zu „erscheinen“).

Im Endeffekt geht es immer darum, Zuwendung zu bekommen, Liebe, und wenn das nicht geht, so wenigstens Aufmerksamkeit – oder den Triumph über andere, die man als minderwertig definiert. Dick und dünn eignet sich dafür recht gut als Bewertungsmaß. Ich erlebe in der therapeutischen Arbeit mit Paaren oft, dass der Mann an der Frau herum mäkelt, wenn sie beispielsweise nach einer Entbindung nicht mehr so gertenschlank ist wie in Jugendjahren; er merkt dabei nicht, wie sehr er seine Partnerin kränkt und erst recht dazu treibt, sich Süßes in Kalorienform zuzuführen, wenn ihr Beziehungssüße verweigert wird. Blickt man hinter dieses Herumkritisieren, findet man fast immer selbstunsichere Männer voll Angst, von anderen Männern kritisiert zu werden. So wird die Partnerin zum Aushängeschild, ist nur mehr Protzobjekt, nicht aber Geliebte.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters – und jemand so zu betrachten, dass man deren oder dessen Schönheit entdeckt, muss auch erlernt werden. Wir sollten es schon als Kleinkinder aus der „Spiegelung“ durch unsere Eltern erfahren.


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