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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

"Liebe?"

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 06.04.2007

1992, als es noch zu mitternächtlicher Stunde die legendäre Sex-Hotline auf Ö 3 gab, fügte es sich, dass ich gerade zu Karfreitag als Beraterin eingeteilt worden war – nur wusste ich nichts davon. Der Anruf aus dem Funkhaus erreichte mich in der Steiermark, wohin ich mich zum Meditieren zurückgezogen hatte. Ich bin nämlich Protestantin. Dass gerade zu diesem Andachtstag im gewohnten Rhythmus Sex-Hotline veranstaltet wurde, war mir dann Anlass, meine Mitarbeit einzustellen: Sex und Karfreitag? Nein danke. Nicht immer nur nach unten, hin zu den Fortpflanzungsorganen, sollte ja die Sexualenergie transportiert werden, sondern nach oben, ins Herz, oder auch darüber hinaus.

In meinem letzten Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen – Sexuelle Gewalt im kirchlichen Bereich und anderswo“ (Gezeiten Verlag) zitiere ich Beatrice Ferolli mit ihrem Satz „Nur wer die Liebe nicht kennt, verwechselt sie mit Sex“. Liebe ist eben nicht – nur – körperliches Agieren, Sehnsucht, Zärtlichkeit, Verliebtheit, Leidenschaft, Begehren, Gier samt Besitzgier, Abhängigkeit, Hörigkeit, Besessenheit, oder aber Verfügbarkeit und Gehorsam etc. In einer Mittags-Sendung im ORF Tirol, diesmal zum Thema Liebe, rief mich ein Greis an, der sagte, er wäre jetzt schwer pflegebedürftig, und seine Gattin pflege ihn aufopfernd, und dann triumphierte er stolz: „Das ist eben Liebe!“, und ich konstatierte ernüchternd, das wäre eher Disziplin, Fürsorge und Opferbereitschaft.

Unsere ersten Liebesgefühle erleben wir meist zu den Pflegepersonen der frühesten Kindheit. Nicht immer wird diese Liebe erwidert. Aber ist es wirklich Liebe? Ist es nicht eher ein Werben um Zuwendung, ein Hunger nach Körperkontakt, nach Wahrgenommenwerden? Und wiederholen wir diese Form der Kontaktaufnahme nicht später immer wieder, wenn wir „was von wem wollen“? Oder wehren wir sie im Gegenzug oft ab, weil wir uns eben dann kindlich, so ausgeliefert fühlen? Und sind wir nicht eben deswegen in so genannten Liebesbeziehungen so leicht manipulierbar, ausbeutbar – und manipulieren selbst ebenso … Es lohnt sich, darüber nachzusinnen, was und wie wir auf die Menschen zugehen, denen wir „nahe“ treten wollen, welche Muster sich dann in diesen Begegnungen abspielen – und welche Ziele wir dabei verfolgen, narzisstische etwa … wen zum Angeben zu haben oder gegen die abendliche Einsamkeit …

Auch Liebesfähigkeit muss entwickelt werden, sie hört nicht mit der genitalen Reife auf, schreibe ich in obigem Buch, und sie kann hoch spirituell und gleichzeitig hoch sexuell sein, genital oder auch gar nicht. Aber dann ist sie jedenfalls erfüllt – weil einem das Herz so voll ist.


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