Samson lebt erschienen in: Angeblich hat Sigmund Freud einmal gemeint, wer einen Bart trage, habe etwas zu verbergen. Für meinen Ehemann traf das zu: Immer, wenn er auf längere Zeit eine Nebenfrau beglückte, ließ er sich einen Vollbart wachsen. Wenn er dann bei mir um gut Wetter schmeichelte, sorgte er mit glatten Knabenwangen für harmloses Äußeres (denn wie's da drin aussieht, geht bekanntlich niemand was an). Bei Politikern war es bisher immer eher umgekehrt: Ob Bruno Kreisky oder Erhard Busek, Harald Ofner, Kurt Bergmann oder Herbert Kohlmaier – sie alle wagten erst nach Ausscheiden aus der Politik das Bekenntnis zu ihren "animalischen" Seiten. Und zu ihrer männlichen Attraktivität: Denn sie alle legten sich mit ihrem Gesichtspelz auch einen Hauch von Sean Connery zu … Im Haar soll ja die Kraft lagern, das weiß frau schon seit Samson und Delilah – und dass die G'scherten – die Geschorenen – keine Kraft haben sollten, vor allem zwecks Vermeidung von Bauernaufständen, scheint auch logisch. Langen Haaren haftete immer ein Nimbus von Vornehmheit, ja Göttlichkeit an. So war es ja auch bis zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts üblich, kleine Buben lange Locken zuzumuten (und oft auch noch Mädchenkleider). Genau die jungen Mütter, die sich damals über die langhaarigen Prinzen entzückten, waren dann die Großmütter, die sich Anfang der Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts aufregten, als im Gefolge des Musicals "Hair" und der Jesus-Bewegung ihre Enkelsöhne den Friseurbesuch verweigerten: "Lass es leben – Gott hat's dir gegeben, dein Haar …" Jetzt mokieren sich einige über den neuerdings bartlosen Sozialminister und seinem Abschied vom Hippie-Image. Sah er vorher ziemlich nach "Bärenhäuter" aus – der ja bekanntlich im Pakt mit dem Teufel versprechen musste, sich sieben Jahre weder Bart noch Haare noch Fingernägel schneiden zu lassen – oder auch Sozialarbeiter, so gleicht er jetzt einem Film-Beau. Die Antwort der SPÖ auf die Beauty-Lücke, die Sonnyboy KHG hinterlassen hat? Oder die dunkle Antwort auf den lichten Cap? Black and White im Roten Salon? Es freut das feministische Herz, wenn sich endlich auch inhaltsgewichtige Männer nicht dem Schönheitszwang der Zeitgeistmedien entziehen können. War ja seit Multiminister Lord Lanc und Rollerblades-Surfer Michael Ausserwinkler eher die gut getarnte Falle für Bauchfrei-Bräute und angeblich schuhfetischistische Vizekanzlerinnen … Hans Besenböck, einer der verbliebenen Urgesteine der österreichischen Medienszene, lese ich, hat unlängst kritisch aufgezeigt, dass wir heute "overnewsed" und "underinformed" werden: Wir sollen / brauchen nicht mehr zu "wissen" – es reicht, wenn wir etwas nur "kennen". Eine Frage – drei Antworten: ankreuzen genügt. Am Beispiel des Sozialministers: nicht die Frage nach den Vorhaben, sondern nach dem Aussehen: Vollbart – Schnurrbart oder Glattwange? |