Versprechen erschienen in: Es gibt Worte mit subtilem Doppelsinn. Das derzeit als "gebrochenes Wahlversprechen" vielzitierte Versprechen gehört dazu. Ich habe in meiner heuer 39jährigen Ehe (aus der ich, um nicht als Heldin des Ausharrens da zu stehen, zugeben mag, vor gut zehn Jahren geflüchtet bin) gab es immer wieder Diskussionen, dass mein Ehemann als Versprechen einforderte, was für mich Absichtserklärungen waren. Sagte ich beispielsweise nachdenklich, was ich am Wochenende gerne unternehme würde, und verschob oder verwarf gar meine Ursprungspläne, hielt er mir nach bester Methode "Schuldgefühle machen" vor, ich hätte ihm doch versprochen … manchmal warf er mir sogar vor, ich sei eine Lügnerin. Bestenfalls konstatierte er, man merke, dass ich Politikerin gewesen wäre – ich gäbe immer nur Absichtserklärungen von mir. Im Zuge meiner vielfältigen psychotherapeutischen Ausbildungen wurde mir klar: Der Unterschied liegt in der geistig-seelischen Beweglichkeit: Es gibt Menschen, die sind flexibel, schnell anpassungsfähig an Lageveränderungen – und ganz im Sinne des Darwinschen "survival of the fittest" ("Überleben der Anpassungsfähigsten") bereit, veraltete Verhaltensweisen zugunsten zukunftsträchtigerer aufzugeben; und es gibt Menschen, die tun sich schwer damit, Pläne, Traditionen, Gewohnheiten los zu lassen – oder brauchen viel Zeit fürs Umdenken und Umlernen. Sie werden oft als stur kritisiert. Man könnte sie aber auch wohlwollender als prinzipientreu benennen. Und nach Treue unserer Partnerpersonen sehnen wir uns doch alle – oder? Zumindest so lange, bis wir uns von ihr eingeengt fühlen … Meine Erfahrung aus mehr als 40 Jahren beratender und therapeutischer Tätigkeit ist jedenfalls, dass sogar diejenigen, die einander Toleranz und "Offene Ehe" versprochen hatte, dann, wenn sie mit Außenbeziehungen der jeweils anderen Person konfrontiert waren, die als fortschrittlich phantasierte Nachsicht nicht aufbringen konnten oder wollten. Nachsicht kommt ja auch vom "nachsehen" – und wer will schon das Nachsehen haben? Die Kunst jeder Politik besteht darin, Ziele so zu formulieren, dass genügend Anpassungsspielraum bleibt, mögliche notwendige oder sinnvolle Kooperationen nicht unmöglich zu machen. Das ist in der Hochdiplomatie so, in der innerstaatlichen Politik und ebenso in betrieblichen Organisationen und auch in Ehen und ähnlichen Lebenspartnerschaften. Mit Lügen hat das wenig zu tun, mehr mit Realitätssicht. Aber da wir alle Gedächtnisspuren der Enttäuschung, des Schmerzes und der Wut besitzen, weil wir in jungen Jahren unseren ersten Lieben blind vertraut haben, und uns erst mühselig daran gewöhnen mussten, dass Versprechen oft nur einen Versprecher als Motiv haben, tauchen diese Gefühle immer wieder auf, wenn wir enttäuscht sind. Dann wählen die einen depressive Reaktionsweisen und andere blanken Zorn, ja sogar Gewalt. Das echte Gefühl hingegen wäre, sich zuzugestehen: ich habe mich noch nicht an die neue Situation angepasst. Und: Wie viel Zeit will ich mir – noch – dafür geben? |