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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Vorsätze

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 29.12.2006

Mein Föhn hat einen. Einen Vorsatz. Eine boshafte Freundin sagte einmal, er sei eindeutig männlich, denn: Er ist rund und hat Lücken und Stoppeln. Ich sagte: Aber er hilft, dass meine Naturlocken nicht zu glatt werden, wenn ich mir ausnahmsweise mal die Haare föhne. Er unterstützt meine Willkürlichkeit. (Damit tröste ich mich über das Leid vieler gelockter Menschen, dass ihre Haare sich nicht folgsam so legen, wie es ihre Besitzer/innen wünschen …)

Bei den Neujahrsvorsätzen ist es meist umgekehrt: Sie sollen bewirken, dass im neuen Jahr alles möglichst glatt abläuft, was sonst locken – verlocken – könnte, von geraden Wegen abzuweichen. Beispielsweise Post liegen zu lassen, Feiertage und zugehörige Verwandtenbesuche zu vergessen und sonst noch so allerlei, bei dem dann die Ausrede lautet – keine Zeit gehabt, der Stress, ehschonwissen ...

Zu den häufigsten Neujahrsvorsätzen gehört der des besseren Zeitmanagements: In Zukunft soll alles voraus geplant werden und Zeitdieben so keine Einbruchsgelegenheit gegeben werden. "Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach dann noch 'nen zweiten Plan – geh'n tun sie beide nicht!" singt der alte Bettlerkönig Peachum in der "Dreigroschenoper".

Zeit hat ja nicht nur eine quantitative Dimension, sondern auch eine qualitative: Zwar wird heute von uns vielfach verlangt, möglichst viel möglichst schnell zu erledigen, egal wie sehr die Qualität darunter leiden mag – aber die mehr oder weniger harsche Kritik kommt dennoch hinterher: "Das habe ich mir aber anders vorgestellt!"

Vorsätze haben immer auch eine zu Grunde liegende Vorstellung – und oft besteht diese nicht in einer Vision, sondern nur in einem erahnten Gefühl, das man gerne erzielen (oder vermeiden) möchte. Bei der "vorsätzlichen" Zeitplanung stellt sich dies meist als Hoffnung, gelassen statt gehetzt arbeiten zu können und auch echte "freie" Zeit genießen zu dürfen ohne dass neuerlich Forderungen an einen gestellt werden. Vor allem von Frauen höre ich die permanente Klage, zusätzlich zu ihren verlässlich erledigten Berufs- und Familienpflichten noch laienhaft "Beziehungsarbeit" für Partner, Verwandte, Bekannte und oft noch dazu Fernstehende leisten zu sollen; oder anders formuliert: Von Frauen werden Gefühle gefordert – sei es nun konkretes Mitgefühl, grundsätzliche Einfühlsamkeit oder gar leidenschaftliche Gefühle der Liebe und des Begehrens. Nur: Forderungen sind hier fehl am Platz – man(n) muss sie voll Gefühl "erwecken", so wie der Prinz das schlafende – sprich verletzte – Dornröschen.


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