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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Luxus

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 11.11.2006

Dass Torbergs Tante Jolesch der Meinung war, alles, was ein Mann schöner sei als ein Aff', wäre Luxus, hängt wohl mit der Heiratspolitik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen: Damals gab es für Frauen kaum eine andere Wahl, "sich's zu verbessern" als die Ehe mit einem finanziell etablierten Mann – und der konnte wählerisch sein: stimmen die "hausfraulichen Tugenden"? "Ist sie leidlich ansprechend?" und "Redet sie auch nicht zurück?" Käufermarkt heißt so etwas in der Wirtschaft. Da musste eine schon märchenhaft schön sein, dass sie sich Widerspenstigkeit leisten konnte wie Shakespeares Katharina … wobei wir uns Petruchio ja auch nicht gerade als Ungustl vorstellen … aber vielleicht war er's. Dann bekäme die Widerspenstigkeit auch neuen Sinn.

Es ist also gar noch nicht so lange her, dass nicht mehr ökonomische Gründe wie Existenzsicherung der Eltern, insbesondere verwitweten Müttern, Zusammenpassen von Äckern oder Königreichen oder Zugang zu wichtigen Rohstoffen den von den Eltern wohlgeplanten Heiraten zu Grunde gelegt wurden. (Dass diese dann auch – bis der Tod euch scheidet! – halten sollten, wird damit auch erklärlich … sonst wäre ja das Erbe futsch gewesen!) Liebesheiraten kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg "in Mode" – vorher sollten schnelle Kriegsheiraten möglichen Nachwuchs garantieren – der Führer brauchte ja Soldatennachschub – und möglichst bald fürs Mutterkreuz (ab dem vierten Kind) legitimieren. Meine Urgroßmutter trägt es noch verschämt auf den letzten Fotos vor ihrem Tod, sie hatte acht Kinder – meine Großmutter zwei, meine Mutter eines, nämlich mich. Kinder zu haben ist heute für viele Luxus: Unsichere Jobs, teure Wohnungen und Männer, die sich oft schon in der selbstinduzierten Schwangerschaft vertschüssen, lassen die Hoffnungen auf ein freudenspendendes Familienleben bald als Seifenblase zerplatzen.

Heute erst sprach ich mit einem jungen Historiker, dem ältesten von drei Brüdern. Jeder hat einen anderen Vater, aber die Mutter hat noch immer die Hoffnung, es könnte einer einmal "halten". Gefestigt, sagt mein Gesprächspartner, sei sie erst, seitdem sie einen "ordentlichen", nämlich sicheren Beruf ausübe – in Diensten der Gemeinde Wien. Klar, sagte ich: Verlassen kann man sich nur auf sich selbst – und auch das nicht immer. Liebe macht blind – und vertrauensselig. Nicht nur die Frauen – auch Männer treffen gelegentlich daneben ... Aber vielleicht ist das ja der wahre Luxus: sich jemand hinzugeben ohne Gegenleistungen zu erwarten, einfach aus Freude, dass es ihn gibt.


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