Perner Archiv

 
"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Schuldzuweisungen

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 21.10.2006

Immer mehr Menschen sind internetsüchtig und manche können sich von den unbekannten Zwangsspielgefährten nicht los reißen, weil Trennung bedeuten würde, dass die anderen nicht weiterspielen können. Das erfuhr die interessierte Zuseherschaft in „Help TV“ – und auch, dass manche schon starben, weil sie mangels Versorgung mit Essen verhungerten.

Und dann wurde in der Sendung ein ORF-Spot vorgestellt, der unkontrolliertes Surfen von Kindern und Jugendlichen im Web verhindern soll: Zuerst läutet es an der Tür und draußen stehen vermutliche Neonazi in Bomberjacken und Doc Martens, fragen die höfliche Mutter nach „Klaus“ und sie sagt nur, „Der ist oben“, und die Skinheads marschieren an ihr vorbei ins Obergeschoß. Kurz darauf läutet es wieder und ein paar aufgetakelte Nutten fragen nach „Klausi“ und die freundliche Mutter weist wieder den Weg nach oben. Der nächste Gast ist dann eine wild herumballernde Warrior-Figur, die sofort die Stiegen hinauf stürmt. Zuletzt steht ein ungepflegt wirkender älterer Mann, der schleimig-lieb die kleine Tochter mit sich fortführt – und eine mahnende Männerstimme aus dem Off fragt Mutter wie Zusehe/rinnen, ob man auch wirklich wisse, was das eigen Kind mache …

Ich sah diese Sendung im Beisein von Kollegen – alles Männer – aus der Beraterbranche. Wir haben uns gewundert, ja auch geärgert. Und wir waren uns einig: Bei der Konzeption dieses Spots haben keine Fachleute aus der alltäglichen Jugendarbeit mitgearbeitet – höchstens praxisferne Schreibtischpsychologen! Für Jugendliche ist solch ein Spot nur „a Hetz“ à la „Scary Movie“ – sie werden sich amüsieren, und viele Erwachsene auch; denn um ernsthaft aufzurütteln, sind all die Klischees viel zu überzeichnet.

Nicht amüsieren werden sich Frauen: denn hier soll Müttern wie so oft ein schlechtes Gewissen gemacht werden – Vater kommt nämlich keiner vor. Und genau dieser Mangel ist es, der Burschen, aber auch Mädchen Sicherheit nimmt – wie der unvergessene Psychiater und Kinderschützer der ersten Stunde Günter Pernhaupt, der vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte, immer wieder betont hat: Heranwachsende Männer brauchen reale und vor allem stabile Vorbilder – nicht die brutalen Action Heroes aus Film und Fernsehen, und nicht ungetreue Feiglinge, die sich vertschüssen, wenn sich ihre Glückserwartungen nicht erfüllen. Und sie brauchen Beziehungen.

Der Realität entsprechend hätte man Vater und Mutter vor dem TV-Apparat sitzend zeigen müssen, und hinter ihrem Rücken das Kommen und Gehen. Aber dann wäre auch die Fernsehsucht depressiver Erwachsener Thema geworden.


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