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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Das Othello-Syndrom

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 12.08.2006

Wenn jemand „durchdreht“, heißt es oft quasi als Erklärung und Entschuldigung in einem, er (seltener sie) war halt eifersüchtig.

Wenn man aber mit psychotherapeutischer Seriosität und Präzision differenziert – nämlich nachforscht, was für ein Gedanke, Gefühl, körperliches Empfinden tatsächlich Auslöser für die jeweiligen Handlungen war, kommt man drauf: im seltensten Fall war es Eifersucht sprich unbegründete Rivalität – begründete ist ja keine Eifersucht sondern eben eine unerwünschte, ungeahnte und überfordernde Konkurrenzsituation. Oder es waren überhaupt Verlustängste. Rachsucht. Oder Alkoholpsychose.

Konkurrenzsituationen sind unvermeidbar – und sportliche Wettkämpfe eine gute Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen, dass man nicht immer Erste/r sein kann, womit das zusammenhängt und was man dagegen tun kann, wenn man sich nicht mit einem „hinteren Rang“ begnügen will. Rivalität überschreitet meist schon die Grenze der Fairness, greift auch zu Hinterlist, bleibt aber noch in den Grenzen der Straffreiheit. Wenn jemand aber immer und überlall rivalisiert, muss man schon an der seelischen Gesundheit zweifeln – da gibt es meist eine frühkindliche Prägung, vielleicht sogar Traumatisierung und einen Verhaltensautomatismus. Ähnlich ist es bei Argwohn als grundsätzlicher Lebenseinstellung: auch da wurde dieses Verhalten „abgeschaut“, von einem Vorbild erlernt: ich erinnere mich an eine Klientin, die jedes Mal auszuckte, wenn ihr – tatsächlich treuer – Verlobter sich auch nur minimal verspätete. In der therapeutischen Regression entdeckte sie als „Urszene“ ihre tobende Mutter, die sich – vor der Fünfjährigen – über den ungetreuen Ehemann ausließ. Von dessen Untreue wusste die Kleine nichts – sie verknüpfte „kommt nicht heim“ mit „muss frau sich aufregen“.

Wieder eine andere Differenzierung ist das – berechtigte oder unberechtigte – Gefühl der Benachteiligung. Da unterstellen viele dann Neid – z. B. den viel zitierten „Penisneid“ – tatsächlich ist Neid aber eine ganz andere Gefühlsdimension, eine Art ohnmächtige Begehrlichkeit, etwas erleben oder besitzen zu wollen, was jemand anderer vorführt. Üblicherweise strengt man sich dann an, das auch zu bekommen – oder was Ähnliches – oder entscheidet sich zu verzichten. Neid kann also einen wichtigen Wachstumsimpuls abgeben - nur chronisch dürfen Neidgefühle nicht werden – dann führen sie nämlich zur seelischen Selbstvergiftung.

Bei Shakespeares Othello hingegen war es gar nicht Eifersucht – es war Strafbedürfnis: viele fantasieren und reagieren wie ihre Eltern, wenn der „Untertan“ sprich Kind nicht gefolgt hat. Da geht es dann aber nicht mehr um Eifersucht oder Verlustängste, sondern nur um Macht.


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