Perner Archiv

 
"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Sonne

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 24.06.2006

"Wär' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nie erblicken", heißt es bei Goethe, und was die Herzenssonne betrifft, hat die jüngere Gehirnforschung vor etwa zehn Jahren nachweisen können, dass durch den zärtlichen Austausch von Blicken, Worten oder ähnlichen "Herzungen", wie sie liebende Eltern oder andere Bezugspersonen Babies – hoffentlich! – zukommen lassen, so genannte Spiegelneuronen gebildet werden. Diese bewirken, dass das Kind empfänglich wird für genau diese seelischen "Sonnenstrahlen" - und dass es später auch (s)eine Herzenssonne strahlen lassen kann.

Wie traurig, wenn jemand nicht die Chance bekommt, "lieben" zu "lernen" – und besonders tragisch, wenn solch eine Person später einen Bildungs-, Gesundheits- oder Sozialberuf ergreift! Dann vergrößert er oder sie wahrscheinlich das "Heer" (absichtlich kriegerischer Ausdruck!) der "schwarzen Pädagogen", kommandierenden Ärzten, verfolgender Sozialverwaltungsbeamter (Juristen und Exekutivbeamte mitgemeint) oder auch polternder Pfarrer … oder anderer "toxischer" Meinungsmacher. Zynismus ist heutzutage ja "in", und wer sich bemüht, ein halbwegs guter Mensch zu sein, wird als Gutmensch verspottet.

Gottlob gibt es aber auch andere, sensible Menschen, die darauf achten, anderen nicht auf der Seele herumzutrampeln. Eine Art Avantgarde für neue Werte, finde ich, denn die audiovisuellen Vorbilder bieten eher das Gegenteil: hasserfüllt herumstreifende einsame Wölfe in Menschengestalt und deren zu Helden hochstilisierte kaum weniger brutale Jäger. Das sind dann keine Sonnen-Menschen oder "Stars", keine Licht-Bringer und schon gar keine Erleuchteten, sondern Sturm-Scharen im wahrsten Sinn des Wortes.

Wir alle brauchen Licht - nicht nur zur Forcierung von Vitamin D … sondern als Lebensenergie, Motivation, Durchhaltereservoir. Wir brauchen Licht-Blicke, nicht nur als Zukunftsvision sondern auch im Hier und Jetzt, daher ist es am einfachsten, man fängt selbst damit an, andere Menschen "strahlend" anzublicken … sie "spiegeln" schon – irgendwann … – zurück. Verdunkelter Blick und aber: Schwarzseherei hilft nicht, seine Wahrnehmung zu "erhellen"… die "bright sight of life" wahrzunehmen, kann man lernen! Man muss es jedoch auch üben. Dabei zu helfen, kann jede/r-man braucht dazu nicht unbedingt einen professionellen "Verbesserer" (sprich Psycho-Therapeuten).

Allerdings: Wer jahrelang im "dunklen Keller" des Lebens verbracht hat, fühlt sich geblendet, wenn plötzlich Licht auf einen einströmt. Das erklärt, weshalb verbitterte Menschen oft mit Abwehr reagieren, wenn man ihnen liebevoll entgegen kommen will. Aber ziehen nicht auch am Firmament immer wieder Wolken vorbei?


-->  zurück
-->  zum Seitenanfang