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"Beziehungsweise"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Glück

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 27.05.2006

"Glücklich ist, wer vergisst" singt die feuchtfröhliche Silvestergesellschaft in der österreichischen Nationaloperette "Die Fledermaus"; der leider viel zu früh verstorbene und - wie in Österreich üblich - in seiner multidisziplinären Weisheit nicht genug geschätzte mehrfache Sachbuchautor Reginald Földy (z. B. "Die Vernunft im Exil", "Allesmacher und Nichtskönner, "Werte statt Worte" bzw. mit mir gemeinsam "Die starken Zweiten - Träger des Erfolgs") beabsichtigte, diesen Satz einem Buch voranzustellen, Untertitel "Das Operettenlibretto als Staatsräson". Er kam nicht mehr dazu. Schade, finde ich: denn Politik ist immer Schwerpunktsetzung, Umschichtung und damit auch Verschiebung und nur zu oft Vergessen.

Was Glück bedeutet oder auch "ein Glück ist", bestimmt jedermensch selber - mit der Schöpfungskraft des Wortes. Vorsprachlich gibt es nur Emotionen - Veränderungen in der Befindlichkeit, und die werden angenehm oder unangenehm empfunden. Erst wenn sie benannt werden, mutieren sie zum "Gefühl" - und lösen damit neuerlich Folgebefindlichkeiten aus.

Sprache hat Suggestivkraft: Sie erschafft "Wirk-lichkeit". Körpersprache auch! Es liegt also weitgehend an uns, ob wir als quasi Schauspieler/innen unserer selbst verfassten - oder von Eltern und anderen Bezugspersonen vorgegebenen - Drehbücher eine Tragödie darstellen oder eine Komödie, ein Action-Drama oder ein Lehrstück, eine Romanze oder einen Porno… die Bandbreite alternativer Verhaltensmöglichkeiten ist, mit wenigen Ausnahmen institutioneller Gewaltsituationen, unendlich groß - man muss nur einen Augenblick nachdenken, "Mit welchem anderen Gefühl könnte ich jetzt reagieren?", und das kann man einüben.

Für viele Menschen besteht aber zwischen Nachdenken und Glücksgefühl ein Widerspruch: sie wollen beglückt werden, nicht aber selbstverantwortlich handeln. Das entspricht dem vorgeburtlichen Zustand des Ungeborenen, das wohlig im Fruchtwasser "schwebt", umspielt von Mamis Bauchgeräuschen… Zumindest fantasieren wir uns das als "ozeanisches Glücksempfindenl". Sigmund Freud hat dieses Streben nach "Hingabe" an etwas Größeres und (hoffentlich!) Schützendes auch in der Suche vieler Menschen nach einem Kollektiv oder der großen Kraftquelle Gott geortet. Heute wissen wir ziemlich genau, welche Gehirnpartie man aktivieren muss, um solche Gefühle selbst zu erzeugen, und wie man das selber bewerkstelligen kann - z. B. durch Meditation. Aber das braucht Zeit. Und die muss man sich aktiv nehmen.


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