Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
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Foto: Helmut Klein

Anti-Aging?

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 29.04.2006

Es gibt Wortschöpfungen, die sind verführerisch – sie verführen, das kritische Denken auszuschalten. Wellness ist beispielsweise so ein Wort. Die Silbe "well" – gut – "führt, man horcht auf, bereitet sich sozusagen vor, was jetzt noch kommen mag, vielleicht ein gesprochener Punkt, ein Abschluss – "es ist gut so"… aber nein, es folgt "ness" und damit wird ein Zustand signalisiert, wie wunderbar, wer hätte den nicht gerne (außer man ist masochistisch veranlagt), und schwuppdiwupp folgt auch gleich das passende Angebot vom Wellnesshotel, Wellnesswochenende, Wellnessguru ... Das deutsche Wort "Güte" kann da nicht mithalten, selbst das Gütesiegel reißt kaum wen vom Stockerl, und menschliche Güte ist sowieso unmodern, wenn jemand versucht, ein guter Mensch zu sein, wird er ja sogleich als Gutmensch abqualifiziert. Zumindest von denen, die ihren Frust über eigene Mängel im Erleben von dem, was gut tut, im Verspotten anderer abreagieren. (Dass das Zufügen guter Taten mehr noch gut tut, werden sie allerdings so kaum je erleben ...)

Anti-Aging ist auch so ein Müll-Wort: Aufhalten des Alterungsprozess'. Ja, das hätten manche gerne – "forever young" sein, ohne Falten, ohne graue Haare, ohne Hüftspeck (Frauen) oder Wampe (Männer), keine Bandscheiben- oder Venenprobleme und immer optimistischer Stimmung ... Wie schön wäre es, die Fähigkeit zu besitzen, die Zeit an bestimmten Augenblicken festhalten zu können ... den angenehmen natürlich. Denn wenn man genau nachdenkt, hat jedes Alter seine guten oder schlechten Tage. Dann kann man natürlich einen Berufshelfer aufsuchen und ihm die Verantwortung fürs eigene Wohlfühlen abgeben. Wegdelegieren nennen wir das in der Psychoanalytischen Sozialtherapie: für Strafen die Polizei, fürs Liebhaben die Sozialarbeiterschaft, fürs Seelenheil die Ablassprediger …

Oder man kann versuchen, eigenverantwortlich und selbstbestimmt etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun. Altersgemäß! Nicht mit der Töchter- und Söhnegeneration zu konkurrieren, sondern eine eigene Kultur der Lebensgestaltung zu entwickeln. Und nicht zu dulden, dass man selbst wie auch andere, egal, wie alt sie sind oder aussehen (!) deshalb diskriminiert werden.

Kultur ist immer Gestaltung. Wenn die Zeit des Nestbauens und der Kinderaufzucht vorbei ist, bleibt genug zu tun – für den Nächsten, den man bekanntlich lieben sollte wie sich selbst. Also fangen wir bei uns an: nicht an sich herumschnipseln lassen oder aufspritzen, sondern sich selbst annehmen wie man ist: ein Spiegelbild des eigenen Lebensstils – und allenfalls den ändern!


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