Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Frühlingsgefühle

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 18.03.2006

Jetzt heißt es bald wieder: Love is in the air! In den Auslagen flattern die bunten, dünnen Fähnchen und hochstöckelige Bändchenpumps lassen ahnen, wie unsicher die holde Weiblichkeit durch die Gegend stöckeln wird (im Gegensatz zur unholden, das sind die wilden Weiber, die zielstrebig auf die eigene Karriere zu marschieren anstatt nach einem Prinzen Ausschau zu halten, der sie auf seinem Lebensweg – erhofft: auf Händen, realistisch: im Schlepptau – mitträgt ...).

Es lässt sich jedes Jahr beobachten: Werbung beginnt. Allerdings nicht gerade die erotische, sondern die kommerzielle. Auch wenn bekannt ist, dass ohnedies der höhere Sonnenstand die Ausschüttung von Sexualhormonen begünstigt, üben sich vor allem Weibchenfrauen in den archaischen Lockposen, die noch im 19. Jahrhundert nötig waren, um eine möglichst "gute Partie" zu machen. Die war ja auch meist der einzige Garant für Sicherung der wirtschaftlichen Existenz – außerhäusliche Arbeitsplätze für Frauen waren rar, und wenn, dann auf "Dienen""beschränkt – egal ob als Magd, Dienstbot, Erzieherin oder Krankenschwester sprich Nonne.

In Märchen ist es noch umgekehrt: Da müssen sich die Freier anstrengen und Rätsel lösen um das Herz der Prinzessin zu erobern! Und: sie müssen die rechte Braut oft am Geruch erkennen (und brauchen die Hilfe dankbarer Bienen, die ihnen dann ins Ohr summern, welche der Prinzessinnen gerade Honig genascht hat ...).

Frühlingszeit ist Geruchszeit. Mein literaturbegeisterter Vater zitierte gerne ein Gedicht – ich weiß leider nicht von wem, vermutlich von einem der Kabarettisten – das lautete: "Die Kohlen werden billiger, die Mädchen werden williger, es stinkt aus den Aborten – kurz Frühling allerorten!" Frühling hat schon seinen eigenen Duft – das dachte ich mir erst kürzlich an einem der sonnigen Tage, als ich in Wien durch die Gassen der Innenstadt ging: Es roch wie vor 40 Jahren, damals allerdings führte mich mein Weg meist über die Wieden.

Gerüche lösen Gefühle aus. Babies, so hat man festgestellt, erkennen ihre Bezugspersonen am Geruch, und wie (und warum! Belohnung! Fressen!) Hunde jemand oder etwas hinterher schnüffeln, wissen wir auch, sogar ohne "Kommissar Rex" zu gucken. Dass der Duft von Vanillekipferln und ausgelöschten Kerzen kindliche Weihnachtsgefühle auslöst, ist wohl auch bekannte Erfahrung ... und meist sind all diese Gefühle auf bestimmte Personen ausgerichtet, von denen man etwas will: sie sollen die Aktion "rund" machen, vervollständigen. Damit meine ich: Wenn wir "unzivilisiert" leben dürften wie junge Hunde, dürften wir auch aneinander herum schnüffeln – solange, bis wir uns "satt" gerochen haben. Da wir aber als zivilisierte Westeuropäer/innen nicht die Nase in – oder an! – fremde Angelegenheiten stecken dürfen, haben wir andere Taktiken und Strategien entwickelt, um an unsere Ziele zu kommen: Wir senden Glutblicke, gurren und seufzen, dehnen und biegen uns, zupfen an Haar oder Krawatte und stammeln meist ziemlichen Unsinn daher ... Großhirn setzt aus. Stammhirn übernimmt das Kommando. "Nachher", wenn die Energie von unten wieder hinauf steigt und das Großhirndenken reaktiviert, ist man dann "klüger"...

In der Freud'schen Psychoanalyse heißt es: Wo Es war, soll Ich werden. Selbstreflexion. Selbstkontrolle. Selbstzucht. Demgegenüber propagieren Anhänger der zunehmenden Körpertherapien mit mitleidigem Blick auf die so genannten "Klemmis": Wo Über-Ich war, soll wieder Es werden! Ent-hemme Dich! Spür Deinen Körper! Spür Deine Lust! Was also? Balance!!! Frühling ist eine gute Gelegenheit, die Ausgewogenheit der Mitte zu üben!


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