Älter werden erschienen in: Europa droht zu überaltern, formulieren Demoskopen – und die Schlagzeilendichter übernehmen die Sprüche freudig, denn „only bad news are good news“ – und machen damit den Ausspruch erst zur Drohung: sie könnten ja auch Worte wählen wie „Europa reift“... Dabei werden wir jeden Tag unserer Existenz älter. „Jede Zelle altert ab dem Moment, in dem sie sich teilt“ erinnert Andrea Dungl-Zauner in „Lebenswege – Lebenszeiten“ von Elisabeth J. Nöstlinger (Styria Verlag). Wir sind also immer „alt“ – mit Jahreszahl. Aber wir lassen uns von klein auf darauf programmieren, unser Alter je nachdem hoch oder minder zu bewerten. Zuerst sind wir „zu jung“ – später sind wir „zu alt“ – aber immer aus der Sicht derjenigen, die ein Interesse daran haben, uns auszugrenzen. Nehmen wir als Beispiel die praktizierte Sexualität. Da geht es nicht nur um gesetzliche Altersgrenzen – gerne als „Schutzalter“ bezeichnet, wie wenn man jemand unter einem bestimmten Alter vor Liebe schützen müsste! Hingegen: Schutz vor Gewalt, Manipulation und Ausbeutung steht uns allen zu, finde ich, egal wie alt wir sind! – sondern auch um den „Marktwert der Liebe“ (Zitat Peter Turrinin im oben erwähnten Buch von E. Nöstlinger). Ich erinnere mich noch gut an meine Jungmädchenzeit in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als bei Schauspielerinnen immer in Klammer die Körpermaße angegeben wurden. „92 – 55 – 90“: das war unser Leitmaß und vermeintlicher Gipfel der Erotik. (Dass Männermaße (welche?) nie angegeben wurde, fiel uns nicht auf – und als es uns im Zuge unserer Emanzipationswehen auffiel, verschwanden diese „Maß-Nahmen“...) Die „Angabe“ (Doppelsinn!) derartiger optische „Vorzüge“ dient primär der Konkurrenz unter Männern: „Wer hat die tollere Beute gemacht?“. Mit tatsächlicher erotischer Anziehung hat Aussehen wenig zu tun – höchstens mit dem „schnellen Blick“, wenn etwas die oberflächliche Aufmerksamkeit erregt. Attraktion hat viel mehr mit Ausstrahlung, Duft und dem, was man spürt, wenn man berührt, zu tun, mit dem Klang der Stimme und mit der Herzensenergie ... aber das „weiß“ man meist erst in der zweiten Lebenshälfte. Heute wird oftmals das Alter in Klammern angegeben. Warum eigentlich? Damit sich die Leserschaft identifiziert oder distanziert? Damit man erstaunt, „Was – so alt ist der / die schon ?“ oder „... erst?“ oder „Kein Wunder – bei dem Alter!“ In meinem funkelnagelneuen Buch „Stress & Alter“ (aaptos Verlag) weist Elfriede Ott darauf hin, dass manche neu bestellten Theatermacher ältere Schauspieler nach Jahrgang weg sortierten, ohne diese überhaupt zu kennen ... Jüngere sind eben billiger. Und genau darum geht es bei den so genannten „Anti-Aging“-Strategien: um die eigene Angst vor dem Weggedrängtwerden aus der Arbeitswelt, aus der Familie, aus dem Liebeskarussel und dem sozialen Feld überhaupt. Als ob man mit Hormongaben, Lifting oder Botox-Injektionen die ewige Jugend kaufen könnte! Anti-Aging! Welche Lügen-Formulierung! Älterwerden kann und soll nicht verhindert werden! Verhindert werden muss „Ageism“ – die Diskriminierung älterer Menschen analog Rassismus oder Sexismus. Rein kommerziell besehen werden Menschen nach „Kosten und Nutzen“ bewertet – und damit verdinglicht. Das ist inhuman. Denn jeder Mensch, egal wie „funktionstüchtig“ er oder sie ist, kann – jenseits von Moral und Ethik – nicht nur Produkte oder Dienstleistungen liefern, sondern kann vor allem Energie spenden (Liebe!) und damit auch Sinn. |