Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Traumfabrikation

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 04.03.2006

Ab und zu gibt es auch heute noch in manchen Kinos eine Galapremiere, und damit Gelegenheit, sich "schön" anzuziehen, selbst einen "großen Auftritt" zu inszenieren (statt schnell schnell im Alltagsgewand in die Polsterstühle zu sinken), vielleicht ein Gläschen Sekt zu kippen (statt Popcorn zu knabbern) und sich selbst wie ein geladenener Gast, daher fast als Movie Star! zu fühlen (statt nur als "Konsument").

Aber seitdem die Filmverkleidungen in den Alltag Einzug gehalten haben – Mädchen und solche, die sich nach 40 Jahren erlebter Biographie noch immer dafür halten, den Nabel frech den Unbillen der Witterung entgegen gereckt, Wind und Wetter trotzen, und mancher Old Boy mit Cowboy Boots und Lederjacke seine Midlife Crisis ignoriert, und die ganz Wagemutigen im "Men in Black"- oder "Star Wars"-Kostüm auf die Straße gehen – seitdem hat das Spiel "Einmal große Dame sein" oder "Kleider machen Leute" an Attraktion verloren. Man verbindet den Blick auf die laufenden Bilder mit Gemütlichkeit statt Eleganz, daher mit Mundl-Sackbauer-Outfit statt Fremd- oder gar Eigendesign, mit Bier und Chips auf dem Couchtisch oder am Boden statt distinguierten Schritten zum Buffet, und wenn man nach Biergenuss noch kontaktfähig sein sollte, ersetzt der müde Griff zum Nachbarschenkel das verstohlene Händchenhalten.

Früher nannte man die Filmindustrie Traumfabrik – und es waren ja auch meist Träume von heiler Welt oder zumindest Durchhalten in schwierigen Situationen, was die Menschen der 30er und 40er Jahre ins Kino trieb. Dafür sorgte schon die jeweilige staatliche Propagandamaschinerie, und wer sich damals so erwünschte Gefühle holte, wandert auch heute noch gerne ins Nostalgiekino und fühlt mit seinen Traumheld/innen mit ... denn kleinformatige Bilder lösen andere Gefühle aus als breitwandige! Das sehe ich auch als Gefahr: Man fühlt sich dann nicht so "unterlegen", kann sich leichter einfühlen und damit auch identifizieren und übernimmt so eher die "geheimen Botschaften", nämlich das Handlungsmodell der Hauptakteur/innen.

Bei der Riesenpanoramaleinwand muss schon besondere Grausamkeit her, damit der Durchschnittsglotzer den Blick abwendet – und die wird ja dann auch serviert, immer härter, immer ekliger, und der Betrachter stumpft ab. Wird abgebrüht im wahrsten Sinn des Wortes. Das ist hier die Gefahr: weniger die Identifikation, die sehe ich eher als erschwert, als die Prägung der Erinnerungsspuren im Gehirn: man hat das alles so oft gesehen, die Bilder sind "eingeschweißt" – alles ist üblich. "Normal".

Demgegenüber verlieren die Bildergeschichten auf dem heimischen Bildschirm Aufmerksamkeitspunkte – kann man doch "nebenbei" allerlei Alltagsbeschäftigungen nachgehen, vom Gang zum Eiskasten bis zum Griff nach den Stricknadeln. Manche erledigen allerlei Korrespondenzen oder Hausaufgaben nebstbei – und so sehen die dann auch aus. Die Wirkung der Bilder ist dennoch vorhanden – nur halt subliminal. Noch unterschwelliger. Und: durch die Intimität der Heimatmosphäre "kennt" man die AkteurInnen wie Familienmitglieder – sie sind ja "bei uns zu Hause". Ich jedenfalls habe schon oft erlebt, dass man mich angesprochen hat, "Ich kenne Sie ja so gut!" und auf meine Frage, "Woher denn?" kam nicht der Hinweis auf eine Seminarteilnahme oder den Besuch eines Vortrags, sondern auf's Fernsehen (und nicht einmal eine Live-Sendung!). Das führt leicht zu Grenzüberschreitungen.

Unter Mythos versteht man in der Systemischen Therapie Gedankenmuster – z. B. eine Behauptung – die nicht kritisiert werden. Sie gehören entmythologisiert! Die Kino-Mythen der laufenden Bilder samt Rahmen-Inszenierungen auch!


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