Karyatiden erschienen in: Als ich ein kleines Mädchen war, ängstigte mich mein leicht sadistischer Lehrer-Vater, wann immer wir in Wien auf Großelternbesuch waren, indem er auf die „eingegipsten Mädis“ der Gründerzeithäuser zeigte und mir androhte, auch ich würde derart eingemauert und müsse dann Simse und Balkone tragen, wenn ich nicht brav genug wäre ... Unter brav verstand er: tun, was er anschafft. Anleitung zur Unterwerfung. Karyatiden stehen „darunter“. Dass Frauen im Laufe ihres Lebens tatsächlich oft „soziale Fassaden“ stützen, und zwar nicht nur die der Familie sondern auch der Firmen, für die sie arbeiten, wurde mir erst gut zwanzig Jahre später bewusst. Sie tragen dann nicht nur die Protzbalkone ihrer Chefs und manchmal auch Chefinnen, sondern auch die gläsernen Decken, durch die sie unterwürfig bis sehnsüchtig zur Spitze hoch blicken dürfen. Ich erinnere mich an eine meiner ersten Privatklientinnen, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die in der Kosmetikbranche mehrer Filialen aufgebaut hatte, und deren Ehemann seine Aufgabe als quasi Prinzgemahl so erfüllte, dass er rotierend die Angestellten dieser Zweigstellen aufsuchte und mit charmantem Geplänkel – oder auch mehr – von der Arbeit abhielt. Humane Mitarbeiterbetreuung nannte er das. Seine Frau schwieg und litt. Sein Ansehen sollte ja keinen Schaden nehmen ... Und gründete noch eine Dependance. Bis ihr der rechte Arm versagte. Lähmung. Keine organische Ursache. Psychosomatisch, meinten die Ärzte. Ich meinte im Erstgespräch: „Sie haben also all die Jahre die viele Arbeit ,mit links‘ erledigt, und rechts haben sie ihren Mann ,hoch gehalten‘ – wie ein Denkmal!“ Und ich schlug vor: „Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, den Mann ,abzusetzen‘?“ Vor der Nachfolgestunde rief sie dann an, sie brauche nicht mehr kommen, die Lähmung sei nach der Stunde bei mir plötzlich weg gewesen. Seit dieser Erfahrung verrechne ich auch das Erstgespräch ... Im Alltag des Berufslebens beweisen viele Frauen eine beispielshafte Kooperationsbereitschaft – nur leider gereicht sie ihnen seltem zum Vorteil, sondern eher zum Nachteil: Sie werden als „schwach“, nicht durchsetzungsfähig, konfliktscheu oder harmoniesüchtig diskriminiert, anstatt als rücksichtsvoll, fair oder teambewußt gelobt zu werden. Gleich den Karyatiden der Gründerzeithäuser tragen sie Last, halten ein und halten durch und werden angehalten, zurückgehalten. Würden sie auslassen, würde der Protzbalkon der „Obrigen“ einstürzen ... Und manche „da oben“ geben das auch unverfroren zu. So fällt mir eine junge PR-Fachfrau in einem großen staatsnahen Betrieb ein, der ihr Vorgesetzter vor der Geburt ihres ersten Kindes versprochen hatte, nach der Karenz bekäme sie eine dann frei werdende Stabsstelle auf nebengeordneter Führungsebene. Als sie bereits nach der Schutzfrist wieder zurück kehrte, beordnete er sie wieder „zu seinen Diensten“. Als sie darauf hin sein Versprechen einmahnte, meinte er augenzwinkernd: „Ich werd‘ doch nicht so blöd sein und eine so gute Kraft wie Sie von mir weg gehen lassen!“ Märchen, die Psychologielehrbücher der Zeit der „mündlichen Überlieferung“, als nämlich nur wenige, Adelige oder Priester, schreiben und lesen konnten, bringen immer wieder dieses Motiv zur Sprache: die Ausbeutung der Gutmütigen. Belohnt wie Goldmarie im Märchen von „Frau Holle“ wird selten wer – eher ausgetrickst wie Rumpelstilzchen, das nur was Eigenes zum Großziehen möchte als Belohnung – nicht Geld noch Geschmeide. Gesundheitsfördernd, motivierend, Kraft spendend ist, selbst gestalten zu können – nicht nur anderen zuzuarbeiten (und das noch dazu oft ohne zu wissen, wozu das eigene Bemühen dient). Gesundheitsfördernd – salutogen – ist aber auch, die Wahrheit zu erkennen: Balkon stützen und im Balkon sitzen geht nicht gleichzeitig! Man muß aus diesem Schatten treten! |