Jahresrhythmen erschienen in: Ich kenne eine Frau, die es trotz stressiger Freiberuflichkeit, zweier halbwüchsigen Kinder, die sie allein erzieht, und überdies noch dynamischer Fortbildungsfreudigkeit immer wieder schafft, jeden Jahreszeitenwechsel mit passenden Vorhängen, Geschirr und Wozhnungsdekoration zu „feiern“. Ich bewundere sie. Sie hat damit nämlich eine ziemlich salutogene Burn-Out-Prophylaxe gestartet: Sie verlagert Aufmerksamkeit und Energie auf das bewusste Wahrnehmen und Pflegen von Rhythmik – und Rhythmik spendet Kraft. Das wissen alle, die ohne viel Anstrengung musizieren, singen oder tanzen – oder auch Atemmeditation pflegen. Das pathogene Gegenteil wäre, die Aufmerksamkeit nur auf ein Ziel zu verengen – beispielsweise beruflichen Aufstieg – und alle Begleiterscheinungen ringsumher auszublenden, sodass man schlussendlich im Tunnelblick zu erstarren droht. Kurze Abstecher ins Fitness-Center helfen da ebenso wenig wie gelegentliche Wanderungen in die / der Natur. Um rhythmisch, sprich lebendig zu bleiben, darf man nämlich nicht nur auf-„nehmen“, z. B. Anstrengungen „auf sich“ nehmen, sondern muss auch bewusst auf andere hin ab-„geben“. (Insoferne könnte man die regelmäßige Abgabepflicht ans Finanzamt sogar als gesundheitsfördernd bezeichnen: man muss immer auch für Entsorgung von Überschüssen sorgen!) Wenn Psychiater die zeitliche und räumliche Orientierung von Menschen erforschen, die vermutlich ihren Bezug zur Rhythmik des Lebens verloren haben – beispielsweise solche, die an der sogenannten Altersdemenz leiden – suchen sie auch nach dem Bezug der jeweiligen Person zum Leben ringsumher: sind sie noch „in Beziehung“? Und: wenn ja – zu wem? Zu was „anderem“? Und wie sieht es aus, in Bezug auf sich selbst? „Der Mensch unseres Jahrhunderts ist in mehrfacher Weise auf sich selbst reduziert worden und hat dadurch große und wesentliche Verluste erlitten“, schrieb die Psychotherapeutin Hildegund Fischle-Carl 1982 in „Das Ich in seiner Umwelt – Zwischen Anpassung und Verweigern“ (Kreuz Verlag). „Der Bezug zur Natur, die kosmische Geborgenheit, das Erlebnis der Zugehörigkeit zum Ganzen, also jeglicher Bezug, der über ihn hinausreicht, ging verloren.“ Kein Wunder – die einen überbrücken in rasender Geschwindigkeit riesige Entfernungen – oder schauen fernsehend zu. Beides entspricht nicht dem menschlichen Maß, Entfernungen zu „durchmessen“. Die Tageszeitrhythmen überbrücken wir durch Nachtaktivität – beruflich wie privat, gezwungen oder angeblich frei ... freiwillig oder unter Paar-, Gruppen- oder Mediendruck. Nur das, was Lebewesen von Natur aus nächtens tun, um die Urangst vor dem Dunklen besser zu bewältigen – sich aneinander zu schmiegen und einander Zuwendung und damit Sicherheit zu spenden – tun wir immer weniger. Aktiv bis zum Umfallen lautet die allgemeine Devise! Unsere Vorbilder sind Kinohelden, und die sieht man kaum schlafend ... außer wenn sie aus dem Schlaf gerissen werden. Leben bedeutet „Wellen“. Oben. Unten. Hinein. Hinaus. Nähe. Distanz. Gerade ist nur die Null-Linie, und die zeigt den Tod an. Die Höhen, die Hoch-Zeiten, die lieben wir. Die Tiefen, die Nieder-Gänge machen Angst. Aber nur in ihnen reift man. „In Initiationsriten“, weist Fischle-Carl hin, „bekommen die Initianden, die in eine höhere Entwicklungsstufe eingeweiht werden, nicht etwas angelernt, vielmehr müssen sie etwas erleiden und bestehen.“ Üblicherweise war und ist es Aufgabe von Priester/innen, solche Reifeschritte einzuleiten und zu begleiten. Aber gehen müssen wir sie selbst – bis wir vergehen. Der Jahresrhythmus hilft, uns immer wieder daran zu erinnern. |