Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Liebeswerben?

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 04.02.2006

In seinen „Grundformen der Angst“ unterscheidet der Psychoanalytiker Fritz Riemann zwei mal zwei gegensätzliche Angsttypen. Eines dieser Gegensatzpaare nennt er „schizoid“ versus „depressiv“. Klingt nach psychiatrischer Diagnose – aber bis zu einer extremen Geisteshaltung, die fachärztliche Behandlung erfordert, liegt ein weiter Weg. Im Alltag neigen wir alle mehr zu der einen oder anderen Form, und üblicherweise ziehen sich diese beiden Charakter-Formen auch an.

Schizoid bedeutet pointiert Angst vor Nähe, oder alltagstauglich formuliert, gut und gerne allein sein zu können. Depressiv hingegen bezeichnet Angst vor Einsamkeit, Furcht vor Verlassenwerden und daher auch die Suche nach Menschen, die sich um einen kümmern oder die man selbst umsorgen kann.

Unser Leben beginnen wir in Abhängigkeit von anderen, allerdings bekommen Babies nicht immer das, was sie zum Überleben brauchen: Genährtwerden, Gereinigtwerden, Gehaltenwerden, Geliebtwerden. Diese Bedürfnisse sind „Grund legend“. Aus der psychologischen Forschung ist nachgewiesen, dass es vom Beziehungsverhalten der Pflegepersonen der frühesten Kindheit abhängt, ob man später liebes- und bindungsfähig ist oder solche ursprüngliche Bedürfnisse abwehrt, mit Zynismus verachtet – oder wiederum umgekehrt unbedacht jede Gelegenheit zur Bindung an eine andere Person oder Personengruppe ergreift und damit oft Abhängigkeit mit Liebe verwechselt.

Früher zielte „Werbung“ auf Herstellung einer rechtlich abgesicherten Bindung, sprich Ehe. In meiner therapeutischen Arbeit stelle ich immer wieder fest, dass die traditionellen Formen, mittels „Balz“ engste Verbündete zu gewinnen, in Vergessenheit gerät. Ich orte den Ursprung Mitte des vorigen Jahrhunderts: emotionale Bindung gefährdet die Flexibilität und Mobilität, die in einer immer globalisierteren Arbeitswelt als erforderlich definiert wird, und die erste dieser grenzüberschreitenden Arbeitswelten war und ist die Arbeitswelt der Soldaten. Daher wurden und werden sie immer „in Treue“ auf etwas Anderes oder jemand Anderen vereidigt, als ihren Seelenbindungen (so sie welche haben) entspricht. Begleitend wird für die „army“ geworben, und professionelle Werbung für Produkte, Dienstleistungen oder was auch immer gibt es in der „weichen“ oder „harten“ Form. Die erstere ist heiter, lustig, sinnlich. Zur letzteren gehört das Inszenieren von Schuldgefühlen wie etwa „Diese Wäsche ist zwar sauber, aber nicht porentief rein“.

Politik ist immer auch Bevölkerungspolitik. Wenn ein Staat meint, das Problem drohender „Überalterung“ spricht zu wenig beruflich aktiver Steuerzahler/innen nur durch Steigerung der Geburtenrate (was üblicherweise erst nach fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren als gesteigerte Steuerleistungen zum Tragen kommt, vorausgesetzt, der Nachwuchs ist leistungsfähig und -willig, was derzeit eher zu bezweifeln ist) lösen zu können, benutzt er oft hard-selling-Methoden: es werden Angst- und Schuldgefühle gemacht. Ähnlichen Druck machen oft auch Eltern, die sich als Lebenszweck in der Pension Enkelkinder wünschen. Oder etwas zum Berichten gegenüber der listig nachfragenden Nachbarschaft ...

Nur: Liebe – Herzoffenheit – und Angst – Herzenge – sind unvereinbar. Da helfen noch so viele audiovisuelle Vor-Bilder, Schnulzen und TV-Romanzen nicht – sie steigern maximal den Wunsch nach „Konsum“ einer beglückenden Liebeszuwendung. Wie man eine halbwegs befriedigende Liebesbeziehung auf Zeit gestaltet, lernt man so nicht. Das lernt man nur „in Beziehung“.


-->  zurück
-->  zum Seitenanfang