"Perners
Notizen"
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Singlemania?
erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 28.01.2006
„Die einzige, die heute noch heiraten wollen“,
witzelte mal irgendwer, ich glaube, es war Harald Schmidt, „sind
Schwule und katholische Priester“. Das kann ich aus meiner
klinischen Erfahrung nicht bestätigen. Heiraten mögen schon
viele – Frauen nämlich. Aber verheiratet sein, und das
ein Leben lang, wollen sie nicht. Letzteres wünschen sich dafür
traditionell-konservative Männer: Bedienung rund um die Uhr
inklusive Pflege im Alter und – Gratissex.
Udo Rauchfleisch, lange Jahre Psychologieprofessor an der Universität Basel,
konstatiert in „Homosexuelle Männer in Kirche und Gesellschaft“ (Patmos), „Die
homosexuelle Lebensweise stellt die als ,normal‘ (das heißt als allein
möglich empfundene) Mann-Frau-Beziehung in Frage und rüttelt damit
zugleich an unserer ebenfalls für selbstverständlich angesehenen Struktur
der traditionellen Familie.“ Es gehe um das traditionelle Machtgefälle,
führt der Psychoanalytiker aus und errinnert: „An der Spitze der Vater,
ihm unterstellt die für das Wohlergehen der Familie im Inneren besorgte
Mutter und ,ganz unten‘ die Kinder.“ Das Zusammenleben zweier gleichberechtigter
Partner gefährde diese Rollenhierarchie.
Nun – diese von vielen Frauen und Kindern als gesundheitsschädlich
empfundene Rollenrangordnung ist in Österreich de iure seit dem partnerschaftlichen
Familienrecht 1978 aufgehoben. De facto wird dieses Machtgefälle aber von
ewiggestrigen Patriarchen noch immer mit verbaler, psychischer, finanzieller
und oft auch physischer Gewalt erzwungen. Oft bis zum Mord. Davon kann jede Frauenhaus-
oder Interventionsstellenmitarbeiterin ein Klagelied singen. Verständlich,
dass immer mehr Frauen früher oder später „Danke nein“ zu
solch einer dunkelgrauen Zukunftsperspektive sagen. Und ihre Töchter auch.
Sich lieber allein und damit hart aber klar an der Armutsgrenze durchwursteln
als mitgehangen mitgefangen zusehen, wie sie von unreifen oder unverantwortlichen
Männern partnerschaftlich, finanziell und emotional im Stich gelassen werden – aber
auch sozial von einer Gesellschaft, die entweder doppeltes Einkommen vermutet
oder aber höhnt, Frau hätte halt in einer Gewaltbeziehung bleiben sollen
– aus finanziellen Gründen, auch wenn die seelische und wie die Tagesberichterstattung
beweist, oft auch die leibliche Gesundheit draufgeht.
Vielfach wird unterstellt, es wäre Karrieregeilheit oder Freude am uneingeschränkten
Konsum luxuriöser Freizeitangebote, weshalb im städtischen Bereich
Frauen wie Männer kurzfristige „serielle Monogamie“ betrieben,
Langzeitbindungen dagegen eher „am Land“ aufträten, wo Eltern
nach Enkelkindern jammern, Schulkameraden konkurrieren (Wer ist am ersten unter
der Haube? Oder: hat sich eine beneidenswerte menschliche Trophäe eingefangen
...) und soziale Kontrolle hemmend wirkt. Was ich stattdessen in meiner Praxis
erlebe, sind Menschen, die nebst Zeitdruck und Existenzängsten sich nicht
auch noch den Stress einer Paarbeziehung (mit all den in ihr auftauchenden Forderungen
und Erwartungen) antun wollen.
Im Sinne von Udo Rauchfleisch sollten wir wohl hinterfragen, wieso jetzt auf
einmal Menschen unbedingt paarweise auftreten sollten. Nur weil im Vorbild heiterer
Spielfilme immer wieder Paare und ihre Konflikte enthalten sind? Erinnern wir
uns: Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es noch etliche Heiratsverbote. Und
viele „Singles“. Ehe bedeutete Beistandsvertrag, Arbeitsteilung,
Disziplin und Verlässlichkeit. Liebe war da eher ein Störfaktor,
da selten – in Ehen, die üblicherweise die Eltern aus ökonomischen
Gründen arrangierten ...
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