Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Erfolgszwang

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 21.01.2006

Welche Eltern kennen das nicht: den Frust, wenn die Frucht der eigenen Lenden keinen Anlass zum Angeben bietet – vor allem dann, wenn andere Eltern stolz von den – tatsächlichen oder "virtuellen" – Heldentaten ihres Nachwuchs' schwärmen?

Als meine Söhne klein waren, lautete meine stereotype Rede, wenn mich Bewohner/innen des sogenannten GÖC-Baus (Ecke Gudrunstraße / Laxenburgerstraße) neugierig fragten, "Und was machen denn ihre Kinder": "Nichts zum Angeben!" Manche lachten dann verständnsivoll, anderen zog es süffisant die Lippen zusammen wie nach einem Zitronenbiss. Genau diese verkniffenen Lippen deuten erfahrene Menschenkenner als Zeichen von zurückgehaltener Aggression – und die taucht meist aus der Tiefe der Seele auf, wenn man sich im Konkurrenzspiel entweder disqualifiziert – oder in den eigenen Strategien des Machterwerbs ertappt fühlt.

Hinter dieser schmallippigen Zurückhaltung verbirgt sich oft Missgunst, Neid oder gar Eifersucht (und um entspannte Vollmundigkeit vorzutäuschen, lassen sich dann auch manche Neiderinnen die Lippen aufpolstern!).

Manchmal stammt dieses Reaktionsmuster, unbedingt "besser" sein zu müssen, aus der Kindheit – aus der Geschwisterrivalität um Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern. Manchmal auch übertragen Eltern ihr eigenes missglücktes Streben nach Erfolg, Anerkennung, Dominanz über andere – oder auch die Angst vor Versagen im beruflichen Konkurrenzkampf – auf ihre Kinder. Und manchmal haben sie – noch – nicht zur Kenntnis genommen, dass die Zeiten vorbei sind, als es unüblich war und daher bereits Warnstufe Rot bedeutete, wenn man in der Volksschule nicht mit "lauter Einsern" heim kam. (In weiterführenden Bildungseinrichtungen galten sie nie, aber das wissen meist nur die, die diese von innen kennen!) Schonung hilft nämlich nicht – so erfährt man nicht, wo man in der Norm liegt und wo dazu etwas fehlt.

Manchmal ist dieses stressende Erfolgsstreben aber auch durchaus in der Realität begründet: im globalisierten Wettkampf um Marktanteile und damit kostengünstigste Produktionsformen werden Menschen nur mehr als Kosten- oder Gewinnfaktor kalkuliert. Verständlich, dass leistungsorientierte Realisten (und besorgte Eltern) eine Überlebenschance in bestmöglicher Ausbildung sehen. Wer allerdings Leistung als Form von Selbstverwirklichung, Beitrag zum allgemeinen Wohlstand wie auch Wolhbefinden und Mitarbeit am Aufbau sinnvoller Versorgung der Allgemeinheit definiert, wird sich eher um die Verschlechterung der Überlebensbedingungen in einer reinen Konkurrenzgesellschaft sorgen und dort für Verbesserung kämpfen. Um das zu erkennen, braucht man auch Bildung – nicht nur des Geistes sondern auch des Herzens!

Wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO die Förderung der seeelischen Gesundheit propagiert, steht dahinter nicht Menschenfreundlichkeit, sondern die Erkenntnis, dass immer mehr Menschen auf Grund seelischer Überforderung ihre Arbeitsfähigkeit (und Beziehungsfähigkeit! Das zeigen die Scheidungszahlen!) verlieren. Faire Konkurrenz ist selbstwertstärkend, sinnloses Rivalisieren gesundheitsschädlich. Pädagog/innen wie Eltern sollten das berücksichtigen!


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