Abspecken erschienen in: Der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert, unkt der Volksmund, und meist beginnt dieser Tausendmeilenweg gleich zu Jahresbeginn: man gelobt. Ob das jeweilige Gelöbnis aber immer der Besserung dient, sei dahingestellt. Nehmen wir beispielsweise das Vorhaben, überflüssige Kilos zu verlieren. In Deutschland spricht man von Pfunden. Vier Pfund abgenommen klingt ja auch viel held(inn)enhafter als "nur"" zwei Kilos. Ein kleiner Selbstbetrug? Oder eine Autosuggestion mit großer Wirkung? Dann wird nämlich in Quantität gedacht anstatt in Qualität – und jedermensch, der mit gezieltem Körpertraining begonnen hat, Bindegewebe und Muskulatur zu kräftigen, weiß: man schaut gleich schlanker aus bei gleichem Gewicht, wenn der Körper fit wird ... Seit einiger Zeit wirbt eine Telefonanbieter mit dem Slogan "Der Speck muss weg!" und zeigt drei ausgepolsterte Finnen, die mit sardonischem Grinsen und boshaftem Gekicher denjenigen, die noch nicht zu diesem Mobilfunkbetreiber gewechselt sind, auf den Buckel hüpfen. An und für sich eine gelungene Werbung – sie zieht Aufmerksamkeit auf sich, weckt Emotionen, hat einen hohen Wiedererkennungswert (zumindest was die drei Wuchteln betrifft) – und: Sie diskriminiert alle, die den drei Trollen ähnlich sehen. Die Verachtung der Dicken beginnt meist in der Schule. Im Turnunterricht. Bei Wandertagen. Alfons Haider hat einmal in einem Interview das Leid seiner Kindheit gestanden, als "blade Sau" verspottet worden zu sein. Das hab ich mutig gefunden. Er beweist damit Kohärenzgefühl: er bleibt im Kontinuum seines Lebens, versteckt nicht vergangene Seelenqual, sondern behält sein Wissen um sich selbst und seine Biographie. Das ist unüblich – üblich ist, dass Menschen sich nicht gerne an Zeiten der Schwäche, der Unzulänglichkeit, der Unsicherheit erinnern (lassen). In der Zeit, als ich noch Kommunalpolitikerin war, habe ich miterlebt, wie ein Wiener Stadtrat – der heute bereits verstorben ist – genau die "Helfer", die ihm, einem sogenannten Quereinsteiger, bei seinem Amtsantritt mit Tipps und viel Insiderwissen beigestanden sind, mit zunehmender Routine "geschnitten", später sogar aus seiner Nähe entfernt hat. Wer ist schon gerne dankbar – solange er seine narzisstischen Größenansprüche noch nicht überwunden hat? Manche scherzen, "Ich bin nicht zu dick – ich bin nur zu klein!" und beweisen derart nicht nur Humor sondern auch das Bewusstsein von Relativität. Sie wissen, dass jede Bewertung einen Vergleich voraus setzt – und sich zu vergleichen "gleicht" dem Tappen in eine Falle. Ist schon bei Kain und Abel schlecht ausgegangen ... Abspecken im übertragenen Sinn heißt, nachzuprüfen, was man Unnötiges mit sich herumschleppt. Das kann Gewicht sein – Körpergewicht. Derzeit zeigt die Zunahme von Ess-Störungen, dass Nötiges – ausgewogene Ernährung – von manchen als unnötig definiert wird, weil ihnen not-wendiger erscheint, auszusehen wie das sogar noch retuschierte über 1,80 große Model aus der Illustrierten (Quantität, in diesem Fall: mangelnde!) als sich im eigenen Körper wohl zu fühlen (Qualität), und zwar wirklich im Bauch und nicht nur im Kopf. Dort sitzt nämlich das Unnötige – die Illusion, man würde geliebt, bewundert oder auch nur beachtet (wenn der Gewichtsverlust bereits nahe ans Verhungern heran geführt hat!), umsorgt oder auch gefürchtet. Oder die Tyrannei. Der Opferwahn. Die Sehnsucht, ganz was Besonderes zu sein. Körperspeck ist auch eine Schutzschicht: Die
heutige Medizin weiß, dass in ihm Umweltgifte gespeichert sind,
die so daran gehindert werden, tiefer ins Gewebe einzudringen und
lebenswichtige Organe zu schädigen. Und viele Menschen brauchen
diese Art von Speck, um sich vor nachbarlichen Giftzwergen zu schützen. |