Winterurlaub erschienen in: Als ich ein junges Mädchen war und Kinogehen noch meine Lieblingsbeschäftigung – denn meine gestrengen Eltern erlaubten als Freizeitaktivität ohne ihre Begleitung im, so glaubten sie wahrscheinlich, lasterhaften Wr. Neustadt der späten 50er Jahre nur den exakt terminiserten Gang zur Volksbuchhandlung oder ins Kino, aber da auch nur ins Zentral oder ins Theaterkino, d. h. unter der „Stille-Post-Kontrolle“ neugieriger Passant/innen, die meine vermeintlichen Taten oder Untaten meist schon daheim rapportiert hatten, ehe ich die elterliche Wohnung am Hauptplatz erreicht hatte ... und nicht ins weit entfernte Elite (Betonung: Eliteee) oder das näher, dafür aber visavis des vermutlich sündhaften Bahnhofs gelegene Forum) – damals also sah ich unzählige Filme, in denen folgende Inszenierung vorkam: der jugendliche Held lud seine Angebetete zu einem Wochenendtrip in die winterlichen Berge. Dann zuckelten die beiden durch die weite Schneelandschaft, sie zwitscherte mit hoher Darlingstimme "Ach wie romantisch!“ und er brummte sonor irgendwas von "Wart’s nur ab!" oder so, und dann plumpste sie mal in den Schnee und war ganz nass und musste sich aus- bzw. umziehen, und dann saß sie, in karierte Plaids gehüllt, am Kamin, den er fachkundig befeuerte, und trank den heißen Tee oder Grog, den er ihr fürsorglich zubereitete ... und dann sang er ihr was vor. So was wollte ich auch immer erleben! Das war meine – damalige – Vorstellung von Liebe und Glück total. Später, nach jahrelanger Berufserfahrung als Juristin, Psychoanalytikerin und Paartherapeutin, erkannte ich: das war nicht das Abbild einer reifen Mann-Frau-Beziehung! Die Botschaft war: hilflose (weil nasse!) Babyfrau wird von Mappi-Mann (die Wortschöpfung Mappi stammt nicht von mir, leider weiß ich nicht mehr, von wem, und setzt sich aus Mammi und Pappi zusammen) versorgt. Heute prüfe ich meine Liebesgefühle – oft über ein oder mehrere Jahre – welche Bedürfniss in ihnen stecken, frühkindliche siehe oben oder solche nach narzisstischem Zuwachs, Machtstrebungen oder Triumphgelüste ... und wenn ich dann diese Schattenanteile durchleuchtet habe, ist entweder das vermeintliche Liebesgefühl bloßer Sympathie gewichen – oder es hat sich als krisensichere Basis für ein inniges und treues Zueinanderstehen erwiesen. Urlaube – besonders solche unter extremen Bedingungen wie Kälte, Schnee und Eis oder Hitze, Dauerdurst, Lärm oder auch nur Mangel an Zivilisation sind wahre Beziehungstests: Bringt der oder die eine genug liebevolle Geduld auf, wenn die Partnerperson auf „Alter: drei Jahre, schüchtern“ regrediert? Oder genug Humor, wenn „Alter: vier Jahre, listig“ angesagt ist? Oder entpuppt sich die gerade noch kompetent zupackende Tourengeherin als nörgelnde Kommandantin, die ihre Befehlsmacht erprobt? Oder der allwissende Naturführer als wehleidiger Hypochonder, der fachkundige Pflegeleistungen für sein aufgewetztes Schienbein einfordert? Besonders Winterurlaube bringen
Konflikte zu Tage, die in der Alltagssituation „Wochenende“ weniger
gravierend sind: Auch wenn viele Sonntage vom Streit „Action
oder meditative Ruhe“ gekennzeichnet sind – diese Kontroverse
wird kaum durch emotionalen Druck durch Schneelage/Schneebeschaffenheit
verschärft. Auch die Konkurrenzsituation auf Grund unterschiedlicher
Kondition, Ausdauer und sportlichem Können kann in Frühling,
Sommer und Herbst besser vermieden werden: am Wasser darf man sich
auf der Decke räkeln derweil der andere seine Runden abstrampelt
... auf der Piste bleibt nur die Schneebar. |