Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
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Foto: Helmut Klein

Genuss

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 10.12.2005

Was kommt Ihnen als erstes "in den Sinn", wenn Sie gefragt werden, was Ihnen am meisten Genuss bereitet? (Warnung: diese Antwort kann Sie mehr enttarnen, als Ihnen lieb ist ...)

Im Klappentext des Buchs "Das Köstlichste von allem" der Münchner Literaturwissenschaftlerin und Psychotherapeutin Elke Liebs (Kreuz Verlag) taucht die Wortfolge auf: "Essen und Begehren, Sehnsucht nach Sättigung und Appetit auf Liebe, die Lust zu verschlingen und die Angst(-lust), verschlungen zu werden - das Bedrohliche und Heitere dieser offenbar urmenschlichen Angelegenheit ..."

Auch wenn ich keine Freundin der bei Jugendlichen beliebten Wortkombinationen mit der Silbe "ur" bin - urlieb, urfad, urgeil ... für mich ist diese "ur"-Mode "urarg"! - erinnert diese Assoziationskette von "Ur-Menschlichkeit" an die "ungeteilte" Lust des Neugeborenen, das sich noch "eins" fühlt mit der Befriedigung spendenden Nahrungsquelle; umgekehrt bedeutet es für die überwiegende Mehrzahl stillender Mütter auch Genuss oder zumindest Befreiung von Unlust, wenn die schmerzend prallen Brüste von der Überfülle an Muttermilch leer gesaugt werden (und dieses befreiende Gefühl bleibt auch im Körpergedächtnis abrufbar, wenn längst kein Tröpfchen Milch mehr den Brustknospen entspringt).

Elke Liebs schreibt dann auch gleich zu Beginn ihres Buches, "Wenn man beispielsweise etwas (oder jemanden) zum Anbeißen findet, soll das ohne Zweifel ein Kompliment und die Anspielung auf einen lustvollen Vorgang sein. Muss sich jedoch jemand etwas "verbeißen", so ist von einer Frustration die Rede ..." Jaja, stimme ich zu - vorausgesetzt, jemand ist frühestkindlich "oral" betont! Das bedeutet, dass eine solche Person vor allem den körperlich-seelischen Genuss der saugenden Mundbewegungen - und damit der Einverleibung von Speise und Trank und der damit verbundenen Zuwendung durch die Spenderpersonen bevorzugt. (Übrigens ist das auch das Erfolgsgeheimnis der gastgewerblichen Berufe, aber auch der Tabakindustrie!) Nur: nach der so genannten oralen Phase der psychosexuellen Entwicklung folgt die als "anal" bezeichnete - und Menschen, die aus dieser Zeit ihr Lusterleben ableiten, empfinden eher das zitierte "Verbeißen" als genussreich: da spürt man die Kraft der Kaumuskulatur, mit der man trotzig den Mund verschließen kann, und auch die innewohnende Macht, fütterungsbegierige Zwangsbeglücker zur Weißglut zu treiben (und umgekehrt auch die Kraft der Schließmuskulatur, mit der man gerade dann nichts ins Töpfchen "macht", wenn die Sauberkeitserzieher/innen das wollen).

Nach der analen Phase (oft auch als erstes Trotzalter bezeichnet, mir gefällt die Bezeichnung "erstes Selbstbehauptungsalter" besser, weil es die Fähigkeit zum Widerstand gegen "die Großen", die in diesem Lebensalter so rund um den zweiten Geburtstag entsteht, positiv bewertet) folgt die sogenannte phallische, wo idealerweise das gesunde Selbstwertgefühl reift. Dann ist es dem nunmehr drei- bis vierjährigen Kind ein Genuss, sich stolz zu präsentieren, mit oder ohne (Ver-)Kleidung ... und wer in dieser Entwicklungsphase schnöde (oral) "abgewürgt" oder (anal) "eingebremst" wird, scheut später oft die Gelegenheiten, in denen man etwas/sich herzeigen soll. Das ist zumindest in der Schule nicht gerade von Vorteil, wenn man an die Tafel gerufen wird ... obwohl auch erfolgreiche Vermeidungstaktiken - "nur ja nicht aufzufallen" - Genuss bereiten können!

Aber ist nicht der größte Genuss der erholsame Schlaf? So betitelt die Wiener Psychiaterin Nadja Brandstätter ihr Buch ja auch: "Das Glück kommt im Schlaf" (Edition Grüne Erde") -asiatische Philosophien bezeichnen ihn nämlich als den eigentlich wahren Zustand des Menschen, weil man da mit dem Kosmos eins wird.


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