Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Fliegen

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 03.12.2005

Weihnachten naht und Engel, die hilfreichen Flügelwesen, erscheinen auf Postkarten, als Christbaumschmuck und in diversen Anzeigen und Werbesendungen. Manchmal groß, manchmal klein, manchmal würdig, manchmal putzig. Engel gibt es in vielen Variationen. Aber immer in Weiß gehüllt ...

Wenn ich frühmorgens in Matzen, wo ich wohne, aufwache, fällt mein Blick auf handgemalte Kopien der beiden musizierenden Engel von Melozzo da Forli; die sind aber goldbraun und grün-rot gekleidet. Dass hingegen Satan, der gefallene Engel, gelegentlich auch geflügelt, dafür aber nackt zu sehen ist, kann als bekannt vorausgesetzt werden. Dass er allerdings in seiner frühesten bildlichen Darstellung – einem Mosaik in San Apollinare Nuovo in Ravenna aus dem Jahr 520 – als rot, nicht schwarz gekleideter Engel, der Christus gegenübersteht, abgebildet wurde, weiß zumindest ich erst seit der Lektüre von „Der Teufel – Eine Biographie“ von Peter Stanford (Insel Verlag).

Fliegen – die Überwindung der Schwerkraft, die uns alle zu Boden zieht, am Boden hält – zu können, ist ein alter Menschheitstraum: der Traum nach grenzenloser Freiheit. Schon in der griechischen Sagenwelt erfindet der wegen Mordes an einem beneideten Konkurrenten verurteilte und nach Kreta geflohene Dädalos – als Erbauer des Labyrinths (zur Entfernung des schrecklichen Stierwesen Minotauros) quasi der erste Architekt – künstliche Flügel, um von der Insel, wo ihn sein Auftraggeber König Minos festhält, weg zu kommen. So weist auch das Duden-Herkunftswörterbuch den Zusammenhang von fliegen und flüchten aus: wie ein Vogelschwarm davonziehen zu können.

Abheben. Schweben. Aber auch wissen, dass man wieder landen kann. „Völlig losgelöst“ wie Major Tom in dem Hit der späten 70er, frühen 80er Jahre im Weltraum zu verschwinden – das ist die Kehrseite der Medaille. Und das ist auch die Gefahr bei geistigen „Höhenflügen“ – dass man nicht mehr zurück findet. Deswegen machen „verstiegene“ Ideen den erdverhafteten selbstdefinierten „Praktikern“ oft auch Angst, werden „Lüftler“ belächelt bis verspottet und als zu „abgehoben“ aus dem Gesichtsfeld ausgeblendet. Das finde ich schade. Denn bis jemand mit Visionen wirklich einen Arzt braucht – um das Altkanzler Vranitzky zugeschriebene und von ihm oftmals dementierte Zitat wieder aus der Mottenkiste hervor zu holen – muss er schon jede Rückkehrmöglichkeit zur Realität des Augenblicks verloren haben.

Visionen können durchaus Zukunftsblicke sein, Leitbilder für Verbesserungen oder Warnung vor Verschlechterung. „I had a dream“ begann Martin Luther King seine berühmte Rede zur Emanzipation der Afro-Amerikaner, und sein Traum wurde trotz aller Widrigkeiten Wirklichkeit ebenso wie Theodor Herzels Vision eines Judenstaates. Beide standen zu ihrem Weitblick – auch wenn sie von Krämerseelen nicht verstanden wurden. Sie bewiesen, dass man gleichzeitig fliegen und stehen kann.

Von Simone de Beauvoir stammt der Satz, „Wer den Himmel will, muß fliegen können“. Ich habe ihn einem meiner Bücher – einem Strategiehandbuch für Frauen (Verlag Herder) – als Titel vorangestellt. In der Berufswelt dort hinauf zu kommen, wo Überblick ein weites Panorama eröffnet, ist nicht nur ein erhebendes Gefühl, „es“ – den „Aufstieg“ – geschafft zu haben (wissen ja auch alle Bergsteiger/innen!), sondern auch Verantwortung: Wer mehr sieht / weiß, sieht auch die Gefahren und Gefährdungen. Und handelt hilfreich. Hoffentlich! Denn erst dann scheiden sich die Geister der Emporgestiegenen in Engel und Teufel.


-->  zurück
-->  zum Seitenanfang