Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Duft

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 26.11.2005

Säuglinge erkennen ihre Mutter vor allem am Geruch, sagen Kinderpsychologen. Klar – üblicherweise reibt frau sich ja nicht die Brustknospen (Bitte nicht Brustwarzen! Diesen grauslichen Ausdruck hat wohl ein Frauenhasser erfunden! Oder einer, der zu wenig gestillt wurde und sich mit dieser Verhöhnung frei nach „Die Trauben sind mir zu sauer, sprach das Füchslein“ ... trösten wollte) mit Parfüm ein. Schmeckt nämlich nicht gerade hervorragend ... aber leider weiß frau halt nicht immer im vorhinein, wo sie der (oder auch die, geschlechtsneutral ...) Herzallerliebste kosen wird ...

Umgekehrt aber auch. Denn es gibt Körperstellen, an deren Geruch und Geschmack sich deutlich die Speisekarte der letzten Tage und vor allem Alkohol- und Nikotinkonsum unübersehbar – warum gibt es kein vergleichbares Wort hinsichtlich dieser anderen Sinneswahrnehmungen? – erschnuppern lässt – und letzterer erregt meist eher Ekel als Begehren. Sogar virtuell ... So kam ich beispielsweise nie über das erste Kapitel von Allan Sillitoes Kultroman „Samstag Nacht und Sonntag Morgen“ hinaus: da wird ausführlichst eine Sauf- und Kotzorgie beschrieben mit anschließendem Sex, und ich konnte mich der auftauchenden Geruchs- und Geschmackshalluzinationen nicht erwehren ... So ist es halt nicht immer von Vorteil, besonders sensibel zu sein. (Beim Schreiben dieser Kolumne habe ich mir das Buch wieder her genommen – und zu meiner Überraschung festgestellt, dass darin eine Widmung steht: Ich habe es zur Matura geschenkt bekommen! Von Lona Murowatz, damals Buchhändlerin in Wr. Neustadt und später Nationalratsabgeordnete, und ihrer Kollegin. Die Volksbuchhandlung war so ziemlich der einzige Ort, den aufzusuchen mir meine überstrengen Eltern gestatteten. Was mögen sich die beiden Damen wohl gedacht haben, dass sie mir gerade dieses Buch schenkten? Warnung vor der kommenden Studienzeit in Wien? Erklärung der Aggressionen meines Whiskey-trinkenden Vaters? Oder Aufforderung zu Protestverhalten?)

Eben weil unsere Ernährungspyramide ihren letzten Ausläufer in unserem Geruch hat, halte ich wenig von den so genannten Forschungen eines unerbittlichen „Stadtethologen“ der mit schöner Regelmäßigkeit Frauen an den durchgeschwitzten T-Shirts ihrer Partner oder anderer Männer (meines Wissens aber nicht Frauen!) schnüffeln lässt, um nachzuweisen, dass auch Babyfrau ihre „Bezugsperson“ am Geruch erkennt. (Als Übungsmethode für künftige Forscher/innen hingegen finde ich derartige „Spielereien“ durchaus vertretbar ...) Und nicht nur unser „fleischlicher“ Konsum sondern auch unsere Seelenlage! So findet man in mittelalterlichen Legenden immer wieder den Hinweis, wie Satan mit Schwefelgestank aus den Besessenen ausgefahren sei. Schwefelgeruch kann man gelegentlich auch an depressiven Patient/innen wahrnehmen, wenn sie sich ihr Seelenleid „ausschwitzen“. Denn nicht nur Weinen (oder Lachen) kann befreiend wirken – auch Schweißausbrüche, Schwindel, Zittern, Stöhnen, Seufzen und – Gähnen! können solch befreiende Wirkung anzeigen.

Gerüche können anziehen oder abstoßen. Dass Pheromone der Hunde- oder Katzennahrung beigemischt werden, damit Flocki oder Minki, verwirrt durch diese Sexualduftlockstoffe, ihr Chappi oder Sheba „betört“ hinunterschlingen, ist bekannt. Und beim Menschen? Mammi dürfen wir uns noch einverleiben ... aber später? Riechen und Schmecken gehören zusammen und lösen bestimmte Gefühle und folgend Erinnerungen und oft auch Sehnsüchte nach der Ursprungssituation aus. Beim Duft von Vanillekipferln und Kerzenwachs darf man von Weihnachten in der Kindheit schwärmen ... Aber: auch wenn man jemand „zum Fressen gern“ hat – wer gibt schon kanibalistische Tendenzen zu?


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