"Perners
Notizen"
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Licht
erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 12.11.2005
Vorbei – vorbei die Sommerzeit, vorbei die adrenalinhebenden
Wahlsonntage, vorbei auch das süß-saure Kürbisfest
mit Schreckgestalten der anderen Art, vorbei Totengedenken – der
Herbst hat uns voll und ganz, mit Nebel und wachsenden Dunkelstunden
... und für viele heißt das: bonjour tristesse, kein Lichtblick
mehr bis zum Frühjahr ...
Lichtmangel wird als wesentliche
Ursache für die jahreszeitlich
bedingte sogenannte Winterdepression angesehen – ebenso wie
wachsende Lichtfülle im Frühling für die nach ihm
benannten Gefühlswogen. Mit „Winterstürme wichen
dem Wonnemond“ lässt ja auch Richard Wagner, selbst
ein für seinerzeitige Verhältnisse der Wonnetrunkenheit
nicht abgeneigter Ton- und wahrscheinlich auch Liebeskünstler
seinen Siegmund die ängstliche Sieglinde umwerben ...
„Wenn du helle Dinge denkst, wirst du helle Dinge an dich
ziehen“ zitiert auch der immer wieder für Überraschungen
bekannte Querdenker Herbert Kohlmaier, ehemals ÖVP-Spitzenpolitiker
und später Volksanwalt, in seinem kirchen- und politikkritischen
neuen Buch „Am Ende der Ideologien – Die Hoffnung bleibt“ (edition
va bene) Clarence Mulford.
Genau darum geht es ja auch im Advent: den großen Kreislauf
von Tod und Wiedergeburt zu erkennen, nicht nur in der Abfolge der
saisonalen Naturphänomene, sondern auch im Denken; zu wissen,
dass auf Finsternis – Unkenntnis, Verblendung, Energiemangel – wieder
Licht – Erkenntnis, vielleicht sogar Erleuchtung und folglich
Energiezuwachs – kommen wird. Urvertrauen nennt man das in
der Psychoanalyse, und das erwirbt das Neugeborene im ersten Lebensjahr
durch die Erfahrung, dass es beantwortet wird – dass jemand
kommt und stillt – den hungrigen Schrei nach Nahrung für
Leib UND Seele befriedigt. Ausgleich und damit Frieden schafft.
Bleiben wir bei Licht als Energiespender: dass Lichttherapie mit
hohen Luxquantitäten eine vielfach erfolgversprechende Therapie
gegen die saisonabhängige Depression darstellt, ist vielen wohl
bekannt ... dass Kerzenlicht oft auch schon genügt, um die Stimmung
zu verändern (den mangelnden Antrieb allerdings meist nicht
im gewünschten Ausmaß), leider zu wenig. Möglicherweise
liegt es an den weihnachtlich bedingten Erinnerungsspuren aus der
Kindheit, dass Kerzenlicht und Kerzenduft Glücksgefühle
auslösen – oder zumindest Hoffnung auf Beglückung.
(Und vielleicht zünden deshalb aufmerksame Gastwirte verschämten
Paaren ein Kerzlein an ...).
„Das wandernde Volk Gottes geht durch die Dunkelheit ebenso wie durch
das Licht“, erklärt Kohlmaier.
Das Wort Advent bedeutet, dass etwas, jemand kommt – im Kommen
ist. Man wartet. Passiv. Dabei könnte man ja auch aktiv entgegen
gehen ...
Auch Kohlmaier entgegnet. Ohne Gegner zu sein, stellt er sich gegenüber,
wendet sich zu, bezieht Position, intellektuell wie emotional, und
bietet Beziehung an. Gibt Energie ohne energisch zu sein. Das hat
mir sehr gefallen. In einer Zeit, wo die meisten Menschen nur Image
bieten statt echter Offenheit, Sieger spielen statt auf Unterwerfung
anderer zu verzichten, im Schnelligkeitswahn überrennen statt
inne zu halten und anderen Raum zu geben, wagt es der umbequeme „Wanderer“,
auf fast 500 Seiten mit Nachdenklichkeit und viel Gefühl sein „Licht“ aufflackern
zu lassen (anstatt es hinterlistig in falscher Bescheidenheit unter
den Scheffel des Kirchen- oder Parteigehorsams zu stellen). Ich jedenfalls
mag diese Lichtquelle als Antrieb nutzen, vermehrt daran zu arbeiten,
dass Christentum „ankommen“ kann.
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