Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
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Foto: Helmut Klein

Benehmen

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 05.11.2005

Da stellte mir doch neulich eine Journalistin die Frage, ob sie altmodisch wäre, weil sie von ihren Nichten und Neffen verlange, dass diese grüßten – deren Mutter hingen erkläre dann den Kleinen eindringlich, Grüßen wäre völlig unnötig ...

Eine Frau mit Wilhelm-Tell-Qualitäten? Die Tante hingegen als Tyrannin, die Unterwerfung in Grußform einfordert? (Ich erinnere mich an den "Wilhelm-Tell-Twist" der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts: "Auf der Stange hängt ein Hut – Wenn man den nicht grüßen tut – Kriegt der Gessler eine Wut – Und dann fließt Blut ...") Oder falsch verstandene "antiautoritäre" Erziehung? Oder auch nur ein biographisches Minitrauma der Mutter, die mit Grußaufforderungen gepeinigt und gedemütigt wurde und nun späte Rache übt?

Ihren Kindern wird sie nichts Gutes tun mit dieser allzu frühen Erlaubnis zum unreflektierten Widerstand – der kommt früh genug, in der Pubertät oder in der Midlife Crisis ...

Besser wäre wohl, den Kindern die gesellschaftlichen Spielregeln zu erklären: warum man manche Liebenswürdigkeiten am einen Ort quasi als Vorschuss auf künftige Kooperationen einbringt und anderswo der eigenen Authentizität den Vorrang gibt, vor allem aber, wie man zwischen Extremen eine sozial adäquate Balance findet. Das gilt auch für Vorgesetzte! Denn leider wähnen manche sogenannte Führungskräfte, Führung bedeute, sich seinen Mitarbeiter/innen allerlei Grobheiten heraus nehmen zu dürfen ... Hierarchische Überordnung ist aber kein Freibrief für Ignoranz, Kommunikationsverweigerung oder gar verbale Brutalität.

Gutes Benehmen sei wieder gefragt, erzählen mir Kolleg/innen aus dem Buchhandel. Von der "Männer-Wasch-Anleitung" bis zu Stil-Büchern und Anleitung zu gewaltfreier Kommunikation. Man muss ja nicht gleich zum Salonlöwen oder Dancing Star mutieren wollen – aber über alternative Verhaltenskenntnisse als nur den Ottakringer Prolo-Stil (z. B. "mieselsüchtige Koffer") zu verfügen – so lebensrettend der auch in manch nächtlichen Konfliktsituationen werden kann! – schadet nicht.

Benehmen umfasst auch Anpassungsvariabilität – "Entgegenkommen" – zumindest um gegenseitig verstanden zu werden. Dazu gehört auch, darauf zu verzichten, sich über andere zu "erhöhen" und sie damit "herab" zu machen. Auch wenn ich in meinem Buch "Die Tao-Frau – Der weibliche Weg zur Karriere" (im Gegensatz zum männlich-kriegerischen) der Höflichkeit als Unterwerfung unter den Tyrannen bei Hof eine Absage erteilt und geschrieben habe, Freundlichkeit allein genüge, sehe ich Höflichkeit heute differenzierter: Kaiser, Könige oder sonstige Thron-Sitzer benötigten Schutzrituale vor Attentaten und anderen Attacken auch ohne Tyrannen zu sein. Neider und Konkurrenten lauern überall ... und in Österreich bekanntlich besonders viele. Das ergibt sich schon aus der kleinheitsbedingten Nähe ... dann sieht man den Splitter im Auge des Nächsten besonders gut (und hofft, so von den eigenen Balken abzulenken).

Wir rühmen uns zwar unserer historisch erprobten Diplomatie, lassen aber aktuell davon nicht mehr viel spüren. Stattdessen entdecken manche die Lust am Duell. Statt ernsthafter konstruktiver oder wenigstens sachlicher Kritik wird es Gepflogenheit, mit Spott und Hohn Fehdehandschuhe herum zu schleudern oder mit hochnäsigem Besserwissertum Protest zu provozieren, den man dann wieder abwerten und verachten kann. Besonders süß beispielsweise, wenn dann einer, der dem klassischen Archetyp des boshaft nörgelnden Oberlehrers entspricht, einen anderen als Oberlehrer apostrophiert, wenn der sich um kritisches Augenmerk bemüht.

Wenn man jemand umwirbt, ist "gutes Benehmen" fast immer Selbstverständlichkeit. Das sollte es aber gerade dort sein, wo man jemand kritisiert.


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