Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

31. 10.

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 29.10.2005

Nach meiner üblichen Gewohnheit hätte ich diese Kolumne mit dem mir vorgegebenen Titel "Halloween" überschreiben müssen, sollen, können, wollen etc. Damit würde ich aber einen Begriff – einen Namen samt seiner Bedeutung – verstärken, "propagieren", und das will ich nicht.

Mir gefällt nicht, dass seit einigen Jahren dieser amerikanische Brauch heftig beworben wird – von den Schokokürbissen angefangen über die Hexendekorationen der Schaufenster, von den Geisterparties bis zu den einschlägigen Horrorfilmen, Freddy Krüger und so ... Es ist schon schwer genug, wenn man wie ich, einen Sohn hat, der an einem 31. Oktober zur Welt kam, (denn eigentlich hätte er ja am 7. November, dem Geburtstag von Albert Camus, das Licht der Welt erblicken sollen, aber er hatte es halt eiliger ...) und der seit Kenntnis der von mir nicht sehr geschätzten Geisterbeschwörungen ein besonderes Faible für Totenkopf-T-Shirts und andere Ausformungen schwarzen Humors an den Tag legt ...

Mir ist schon klar, dass hinter der Lust, andere zu erschrecken, die Abwehr eigener Ängste schlummert. In unseren Breitengraden hat es ja auch Tradition, im Herbst an schummerigen Kellerecken ausgehöhlte und mit Kerzen zu erleuchtete Kürbisse zu platzieren, damit andere sich fürchten – nur nicht man selbst. Dass zu den Totengedenktagen Anfang November bereits im vorhinein mit inszeniertem Horror böse Geister abgeschreckt werden sollen, gehört ja zum älplerischen Brauchtum. Aber muss man deshalb der eigenen Volkskultur abschwören, deren Sinn vergessen und lustig finden, was eigentlich Nach-denken und Vor-sicht hervorrufen sollte?

In nebeligen Herbsttagen ist gut daheim zu bleiben, lauten die Warnungen in unserer Volkskultur, denn da "reitet Wotan mit seinen wilden Gesellen" – oder auch nur berauschte Möchtegernwotans, die die vorwinterliche Kälte mit Bier und Wein zu innerer Hitze verwandeln wollen – und die früh eintretende Dunkelheit erstickt so manchen Kontrollversuch im Keim. Die Natur bereitet sich auf ihren Winterschlaf vor – und auch manche Menschen verlangsamen ihren Stoffwechsel, werden müde, traurig, "seasonal dependent" depressiv und verkriechen sich in ihren Höhlen ... oder putschen sich auf, um doch noch am Gesellschaftsleben (oder was damit bezeichnet wird) Teil zu nehmen. Erwachsene wandern dann von Wirtshaus zu Wirtshaus auf der Suche nach menschlicher Wärme – und dazu werden schon die Kinder angeleitete, wenn sie ebenso von Tür zu Tür stapfen und "Süßes oder Saures" verlangen. Das mag in einer überschaubaren Siedlung ganz putzig anzusehen sein – soziale Kompetenz erlernt man so nicht, eher, wie man andere nervt, tyrannisiert oder ängstigt. Statt böse Geister zu vertreiben, schlüpft man selbst in deren Rolle ...

Der 31. Oktober ist aber auch der Reformationstag – und ich meine, es wäre wohl sinnvoller, an den Geist Martin Luthers zu denken, in dem er 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Kirchentür zu Wittenberg nagelte. Für manche war das sicher auch ein "böser Geist", weil nämlich ein Widerspruchsgeist. Aber diese BeGEISTerung zielte nicht darauf, anderen zu schrecken, zu bedrohen, ihnen Angst zu machen, sondern sie auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, zur Umkehr, zur Einkehr zu motivieren.

Für mich sind die Tage rund um den Novemberanfang Anlass, Vergangenes zu überprüfen und Zukünftiges zu erahnen: Totengedenken heißt für mich, sich auch zu besinnen, wovon man abstammt und was man aus diesem Erbe gemacht hat, machen will. Dass da eben auch Trauer mitschwingt, finde ich passend – nicht nur, weil manches Ersehnte und nicht – mehr – Erreichbare betrauert werden muss, sondern weil es auch an das eigene große Abschiednehmen gemahnt. Späße finde ich dabei nicht "spaßig".


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