Büro erschienen in: Bevor man selbst eine Arbeitsstätte in Besitz nimmt, hat man schon Vorstellungen, wie's dort aussieht und zugeht. Sieht man ja in Film und Fernsehen. Nur: Dort sind entweder alle lieb, zickig oder grauslich. Und die Büros sind entweder smart, kahl oder dreckig. Julius Fast, Autor der ersten Taschenbücher über Körpersprache und Rollenklischees, entschlüsselte auch die "Insignien der Macht": je höher der berufliche Dienstgrad, desto mehrflammiger der Luster, desto größer Teppich und Schreibtisch, und als besondere Auszeichnung Zimmer mit Fenstern "übers Eck". (Um diese Zimmer, weiß ich noch aus meiner Zeit als Wiener Bezirksrätin und Landtagskandidatin, geierten auch immer die Neostadträte!) Kontrolle total. Ebenso thronen die "Oberen" auch oben - und am Ende des Gangs - und die Außenseiter/innen abseits. Als ich als Projekt- und Hausleiterin im Verein Jugendzentren der Stadt Wien arbeitete, entschied die Geschäftsführung, sie möchten alle Projektleiter/innen beisammen sitzen haben - und damit unmittelbar verfügbar als Ideenlieferant/innen (oder Blitzableiter!). So saßen wir denn auch im Großraumbüro zusammen - in einem abseits gelegenen Trakt - der Projektleiter für Behindertenarbeit, Manfred Srb, die Projektleiterin für Integrationsarbeit, Jaklin Freigang, und ich, zuständig für Familienarbeit: Er saß im Rollstuhl, sie hinkte, und ich hatte damals permanent Hexenschüsse und humpelte. (Nachdem ich gekündigt hatte, hatte ich allerdings nie wieder derartige Probleme!) Unser Zimmer hieß denn auch bald das "Krüppelzimmer". Also nicht nur wegen der behindertengerechten Rampe ... (Der vierte Projektleiter für Jugendliche ohne Schulabschluß, Manfred Koch, hatte zwar auch ein - von unserem getrenntes - kleines eigenes Zimmer, war aber meist nicht da - so wie seine Schützlinge, die ja auch nicht in die Schule gegangen waren ...). Und dann gab es im Verein ein Zimmer, das sah nicht aus wie ein Büro - eher wie eine "gute Stube" aus der Makart-Zeit. Darin "wohnte" der pädagogische Leiter, insgeheim Sozialforscher und avantgardistischer Schriftsteller - heute offiziell der Dichtkunst hingegeben, nicht nur als Autor spannender Bücher zur Kindererziehung und Hypnotherapeut, sondern auch als präziser Dokumentator erschütterter Seelen: Dr. Manfred Pawlik, manchen als Co-Autor der Studien Erwin Ringels zu Gewalt in der Familie bekannt, liebte dunkle, gedrechselte Möbel im altdeutschen Stil, und die bevölkerten auch seine Studierstube. Denn "Büro" konnte man dazu wirklich nicht sagen. Er war damals in den 70er Jahren ein Pionier. Das Wohnbüro war noch nicht erfunden, IKEA begann erst seinen Siegeszug durch die Arbeits- und Wohnbereiche, daheim hatte man Kaukasisch Nuß entsorgt und die Nierentische zertrümmert - und da wagte es doch einer, schwülstige Jagdstubenatmosphäre zu verbreiten ... Ich gebe zu, ich war der Meinung, er hätte halt alte Möbel "von daheim" ausgelagert, um sie nicht auf den Sperrmüll werfen zu müssen - ich wußte damals noch nicht, dass er solche Möbel liebte und in seiner Privatsphäre Platz genug gehabt hätte. Ich war noch sehr dem äußeren Schein verhaftet - und lernte erst langsam, Individualität wert zu schätzen, Freiräume zu gewähren und auf "das gehört sich nicht" nicht zu hören. Pawlik war auch derjenige, der sich dafür einsetzte, dass Jugendliche "ihre" Zentren
selbst gestalten dürften - so wie er sein "Büro".
Denn: Was man selbst konstruiert, pflegt, liebt, zu dem gewinnt man
Bindung. Herzensbindung. Das zerstört man nicht, das beschützt
man. |